Vorsicht: Das kann Ihre Tochter schwul machen!

Das hätte sich der FSK wohl auch nicht träumen lassen. Kaum bemüht sich dieses Gremien zum Schutz unserer Kinder vor unerwünschten Einflüssen und setzt die Altersbeschränkung für die Teenagerliebesgeschichte Romeos … anders als du denkst von 12 auf 16 Jahre hoch, vibriert das Internet. Nun könnten sich die besorgten Erwachsenen bestätigt sehen, dass der von ihnen herbeifabulierte Einfluss real ist und am Ende die pathologisch gefürchtete ‚Homolobby‘ dahintersteckt, um unsere Kinder in einem beeinflussbaren Alter zu Sodom und Gomorrha, also zu Nicht-Heterosexualität, zu verführen. Und das 2011! Denn immerhin sind kleine Menschen wie Schallplatten, in die ‚Perversitäten‘ einprägt werden, und durch ein paar harmlose Bilder werfen Menschen auch alles über Bord, was sie von Erwachsenen an ‚Richtigem und Wahrem‘ gelernt haben.

Als erstes las ich bei Nadine von der Mädchenmannschaft über den Skandal. Die FSK schreibt zwar, dass sie das schwierige Thema sieht, aber Kinder unter 16 durch die positive Darstellung einer transidenten Liebe desorientiert werden. Auch die Fünf Filmfreunde sehen, dass eine „explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen“ (FSK) Toleranz oder Verständnis fördern könnte, aber die FSK fürchtet, dass „[d]er Film […] eine verzerrte Realität wider[spiegelt], die Kinder aufgrund keiner oder zu geringer Erfahrungen nicht erkennen können“. Dass Kinder cleverer sind, sich mit Dingen, die sie – von der FSK auch nur angenommen, nur möglicherweise – nicht kennen, auseinanderzusetzen, kommt diesen besorgten Erwachsenen gar nicht in den Sinn. Der Blog Bisexualität stellt dann auch fest, dass ganz andere Filme, die ja so viel näher an der Erlebniswelt von Kindern wie Twilight oder Harry Potter sind, auch eine FSK-Freigabe von 12 bekamen.

Dabei steht bei diesen Erwachsenen komplett außer Frage, dass nur die Nähe zu etwas Schwulem – und davor haben sie besonders Angst – einen (jungen) Menschen dazu verführt, sich etwas zuzuwenden, was die Gesellschaft noch immer verdammt oder wenigstens außerhalb der eigenen vier Wände nicht gern sieht. Die FSK hat recht in ihrer Sorge, wenn sie Jugendlichen vor der eigenen Homophobie schützen will. Denn wer in der Phase der „sexuellen Selbstfindung“ (FSK) durch die „völlig einseitige Darstellung von Homosexualität im Film“ zu einem positiven Selbstbild käme, würde sehr schnell in den gesellschaftlichen Realitäten ankommen. Die FSK warnt ganz passend besonders vor sich selbst.

Und dass die Umwelt uns einfach umdreht, hat doch schon ein Bürgermeister in Peru bewiesen. Der Schwermetallgehalt im Wasser wäre etwas, dass Menschen schwul machen würde. Ist der Bürgermeister also auch der Meinung, dass es etwas wie einen Schalter im Menschen gibt, dass er von einem Tag auf den anderen von anderen gehasst und verfolgt werden will? Um sich etwas zuzuwenden, was in Peru abgelehnt, in den USA zu einer erhöhten Suizidrate unter Jugendlichen führt, in vielen Ländern unter Todesstrafe steht? Genetisch kann es nicht sein, sonst würde das peruanische Wasser uns doch manipulieren. In Japan gibt es mythische Fabelwesen, Kappa, die Menschen ins Wasser ziehen, wenn sie diesem zu nahe kommen. Sie dringen durch den Anus in uns ein und stehlen unser 尻子玉 Shirikodama (Anusjuwel). Der Forscher und Autor Hiraga Gennai Kappa, eine Wasserfabelwesen(1726-1779) aus dem frühneuzeitlichen Japan schrieb in seinen Erzählungen Nenshigusa kôhen (Nenashigusa, 2. Teil, 1768), dass diese Wesen uns schwul machen, da einer von ihnen sich in einen Kabukischauspieler verliebte, ihn aber nicht mitnehmen konnte. Nun, da die radioaktive Verseuchung des Tokyoter Wassers ansteigt und diese Wesen die Flüsse und Gewässer Japans beschützen, kann der Bürgermeister in Peru seine angstvollen Erkenntnisse vielleicht bald auch an die Insel weitergeben.

Der Wahnsinn galoppiert, wenn es um die Hysterie Erwachsener geht, Kinder auf ’normal‘ zu trimmen. Die FSK hat wieder einmal bewiesen, dass Nicht-Heterosexualität im besten Fall die tolerierte Ausnahme ist. Sie befindet sich in guter schlechter Gesellschaft, wie auch einige homophobe/ transphobe Kommentare auf den Blogs gruselig zeigen. Von einer herbeiphantasierten Normalität wird dort geschwafelt, und das alles im Namen unserer Kinder, die geschützt werden müssen. Wovor genau, wenn sie doch nur sich selbst kennenlernen und anderen Respekt zeigen können, ist meine Frage. Und dass Menschen, auch weibliche, von einem Film oder Trinken von Wasser schwul geworden wären – denn etwas anderes scheint in den fiebrigen Gehirnen der geängstigten Erwachsenen nicht zu existieren -, möchte ich bezweifeln. Und wenn dem doch so wäre; wer hätte einen Schaden davongetragen?

Zum Film (Spoilers ahead): Unbehagen der Geschlechter: Spiel der Stereotype in „Romeos“

geänderte Begründung der FSK ohne Änderung der Altersempfehlung

Nachtrag: Am 28.12.2011 setzte die FSK die Altersempfehlung auf 12 herunter.

Erklärung der Regisseurin, Sabine Bernardi
laufmoos vom 6. Dezember 2011: FSK 16
Kweens, Lesbian Ranting – Popkultur aus Lesbisch vom 5. Dezember 2011: Sommer, Party, Gender Trouble in “Romeos”
taz vom 5. Dezember 2011: Dieser Film macht schwul
Du&Ich: „Romeos” zu explizit? Umstrittene FSK-Altersfreigabe ab 16
queer.de vom 2. Dezember 2011: „Romeos“ erzählt von kleinen Unterschieden
Presseerklärung vom LSVD vom 1. Dezember 2011: Homophobe Begründung der FSK
ausführliches Interview mit der Regisseurin in der Printausgabe (Dezember) der Siegessäule: Auszug
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3 Antworten zu Vorsicht: Das kann Ihre Tochter schwul machen!

  1. schmeißi schreibt:

    in diese reihe „wissenschaftlicher“ erkenntnisse paßt auch wunderbar dieser arabische herr, der ja meint, die autofahrerlaubnis für frauen fördere die homosexualität.

  2. semiramis schreibt:

    Frauen verlieren ihre Jungfräulichkeit, wenn sie selbst Auto fahren.

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,801461,00.html

    Wie das anatomisch gehen soll, sagt der besorgte Forscher nicht. Jedenfalls wird das nicht berichtet.
    Worum es bei dieser Absurdität wohl real geht, ist: freie Beweglichkeit eröffnet Frauen einen anderen Zugang zur Welt. Weswegen es ja meist in reaktionär-patriarchalen Gesellschaften um die Beschränkung zum und des weiblichen Körpers geht. Freiheit der Bewegung bedeutet wiederum auch eine aus dem Haus, was bei ökonomischen Einschränkungen auch die Prostitution fördert. Und bei Freiheiten der körperlichen Art sind wir schnell auch bei den sexuellen. Das sind alles Kurzschlüsse, die gesellschaftliche Realitäten widerspiegeln. Doch absurd ist das trotzdem.

    Die Einschränkung des Autofahrens für Frauen bewahrt nur zum Schein die moralischen Standards; ist aber konsequent. Erinnern wir uns an die Vorgaben, dass bürgerliche Frauen im Europa des 19. Jhs nicht zu Fuß gehen, in öffentlichen Kutschen nicht ohne Begleitung fahren sollten, weil sonst ihre Sittsamkeit und ihr guter Ruf in Gefahr waren. Oder dass Frauen noch in den 1920er Jahren nicht am Steuer sitzen sollten, weil eine Fahrt für sie zu schnell und gefährlich wäre. Nun haben wir 2011.

  3. Pingback: Derailing „Romeos“? « Teile des Ganzen

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