Buffy, übernehmen Sie!

In ihrem Artikel schreibt Jenni Zykla in der taz vom 23.11.2011, dass Vampire nur dann funktionieren, wenn ihre Geschichten auch ohne magische Elemente erzählt werden könnten. Und genau das ist das Problem und Faszinosum des Booms von Vampirgeschichten der letzten Jahre in Buch und Film. Twilight (Stephenie Myers) ist eine Teenieschmonzette, die Jungmädchenträume in der ältesten Form von Ritter und gemarterter Prinzessin erzählt, während Vampire Diaries (Lisa Jane Smith) ein Highschooldrama nur ohne den Campfaktor von Glee ist. True Blood zeigt uns in den Büchern der Sookie-Stackhouse-Serie (Charlaine Harris) ein Jungfer, die sich in böse Buben verliebt, als Serie ist es wenigstens ästhetisch durch viel Sex und Gewalt ansprechend. Nur unsere Lieblingsvampirjägerin scheint dabei den Verstand behalten zu haben, um diesem Boom einen Pflock in Herz und Hirn zu jagen.

Diese Bücher und Romane erzählen Geschichten, die ohne die übersinnliche und übermenschliche Beigabe von Vampiren, Werwölfen, Formwandlern die langweiligsten wären, und ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, dass sich das derzeitige Fanpublikum das nicht mehr ansehen würde. Denn der Plot ist vergleichsweise dünn. Sie sind dem gothic des 19. Jahrhunderts insofern ähnlich, dass auch sie psychische Zustände des Menschen externalisieren und in das Unheimliche, Unbekannte verlagern. Edmund Burke schrieb in seinem Aufsatz über das Erhabene A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful (1757), dass es von uns nicht erfasst werden kann. Seine Macht über uns zieht es aus unserem Unwissen über seine Quelle und seine Wirkungsmechanismen. Somit bestimmt es unsere Leidenschaften und unsere Sehnsüchte. Wir geben uns ihm hin, weil es uns gegen unsere ratio handeln lässt. Doch 200 Jahre wissenschaftlich-medizinischen und soziokulturellen Fortschritts haben Wesen wie Vampire zu etwas Irdischem gemacht. Wissen über Verwesungsprozesse, Genetik, Körperfunktionen haben sie zu einer Unmöglichkeit werden lassen. Sie sind selbst für unsere Imagination ungefährlich geworden. Trotzdem wollen wir uns gruseln. Deswegen sind diese blutleeren Figuren zu dem geworden, vor dem wir uns nicht guten Gewissen fürchten können, wenn nicht an unserem Verstand gezweifelt werden soll.

Die Romane um die Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert spielten ganz bewusst mit den Angstzuständen der Lesenden. Nicht umsonst warnten Hüter der Moral und Erzieher vor den Einflüssen des Romans, der im 18. Jahrhundert als Freizeitbeschäftigung und als Einkommensquelle von Frauen im Bürgertum beliebt wurde, vor seinem schädlichen Einfluss auf die weiche Natur des schwachen Geschlechts. Und in den gothic novels konnten sich Frauen entführen lassen von Bösewichten, ohne gesellschaftliche Konsequenzen fürchten zu müssen. Jane Austen karikierte die Leichtgläubigkeit und Empfindsamkeit von Frauen in Northanger Abbey (1817), in welchem die leicht entflammbare 17-jährige Catherine Morland erkennen muss, dass jedes übernatürliche Phänomen nur in ihrem Kopf entsteht und alles eine logische, rational wissenschaftliche Erklärung hat.

Auch Bram Stokers Dracula als Nachfolger solcher Erzählungen wie Dr. John Polidoris The Vampyre (1816) aus dem Jahre 1897 ist eine verklemmte Darstellung viktorianischer Sehnsüchte nach der Fremde als Ort und als Person. Der Graf wird nur durch die Erzählung der sich für rational haltenden Männer repräsentiert. Prof. Abraham von Helsing stellt ihn immer wieder als Kind dar, dessen Bösartigkeit beginnt zu erwachen, weswegen der Blutsauger so schnell wie möglich getötet werden muss. Sein Einfluss auf die Frauen ist das Gefährliche, denn je mehr sich Minas Freundin den Rufen des Grafen hingibt, desto hysterischer werden die Warnungen van Helsings, dass auch die Verlobte des jungen Haupthelden Jonathan Harker unter diesen Bahn geraten könnte. Nicht von ungefähr stellte Anthony Hopkins den Prof. in der Coppola-Verfilmung von 1992 als nicht ganz zurechnungsfähig dar. Während der gesamten Lektüre des Buches fragte ich mich, worin nun real die Gefahr durch den Grafen bestehen sollte. In der verklemmten Reaktion der guten (christlichen) Viktorianer liegt das Neue und Spannende des Romans. Die Hysterie der Männer, etwas ihnen Unbekanntem zu verfallen, hat etwas ungemein Erheiterndes.

Darin bestehen auch die Probleme des modernen Vampirbooms. Während Anne Rice die Vampire ihr Leben in The Vampire Chronicles (1976 bis 2003) selbst kommentieren ließ und sie aus der eingeschränkten Sexualität entließ, geben die Erzählungen der letzten Jahre vor allem von Frauen dem Genre nichts Neues hinzu. Harris schreibt in ihren Büchern den Untoten zwar Emanzipationswünsche auf den bleichen Leib, die Produzent Alan Ball in der beliebten Serie True Blood herausstreicht und denen er mit viel Lust an schönen Körpern und Dreck visuellen Ausdruck verleiht. Jedoch ist der Weg aus dem Sarg („coffin“) wie aus dem Wandschrank („closet“) ausgesprochen problematisch, da im Gegensatz zu LGBTQ-Menschen Vampire eine ‚reale Gefahr‘ für Menschenleben darstellen, wie Anita Sarkeesian von femfrequency richtig in ihrem vlog feststellte. Paulina Palmer schreibt in Lesbian Gothic: Transgressive Fictions (1999) über genau das Potential, deviante Sexualitäten zu verhandeln und dabei neue erzählerische Wege zu gehen. Eigentlich ist der Vergleich mit Bürgerrechtsbewegungen beleidigend, wenn auch ein strategisch guter Schachzug. Die Vampirin Carmilla (1872) des Iren Sheridan LeFanu war noch lesbisch, weil es für ein viktorianisches Publikum anrüchig und gefährlich war. Heute geht es aber um unsere eigenen Bedürfnisse, über die Frauen schreiben sollten.

Da wären wir aber wieder bei der Sexualisierung von Unsterblichkeit. Zu der Vorstellung von Enthaltsamkeit vor der Ehe gehört die Anheizung von erotischen Phantasien von Entführung, Überwältigung und Vergewaltigung, die wir schon aus dem gothic kennen. Der Twilight-Reihe wird die reaktionäre Unterdrückung von Verlangen vorgeworfen. Gerade der jetzt angelaufene Teil Breaking Dawn stellt eine gewalttätige Ehe vor, in der Sex nur über Gewalt zu haben ist. Nun sollen sich die Menschen, die sich mit den Ausflüchten des prügelnden Ehemannes Edward zufrieden geben wollen und das für romantisch halten, einmal fragen, was sie raten würden, wenn sie es solche Beziehungen in ihrer Umgebung gäbe oder sogar ihnen selbst Gewalt angetan würde. Im Gegensatz zu den Geschichten des 19. Jahrhunderts, deren Moral eine Verbrüderung mit Vampiren nicht zugelassen hätte, lassen wir diese Un-Wesen heute in unser Haus, jedoch aus anderen Gründen. Wir wollen Geschichten hören über diese auf dem Blut von lebenden Wesen basierende Unsterblichkeit lesen, die aber so nett daher kommen soll, als stammten sie aus Frauenzeitschriften. Nur würden wir dort jedem Menschen raten, sich von solchen Männern und Frauen fernzuhalten. Bei Vampiren lieben wir Geschichten von häuslicher Gewalt, nächtlichen Überfällen und Mord. Wir wollen uns gruseln, denn ein Vampir wird uns wohl in der Realität nicht in unserer Wohnung auflauern, dann schon eher unser Partner. Das hat sich in den 200 Jahren kaum geändert.

Darum sind gerade die neuen Vampirerzählungen so unglaublich langweilig; denn anstatt den Sehnsüchten nach S&M nachzugehen, werden heteronormative Machtspiele als romantisch und sogar ’normal‘ verbrämt, weil es sich ja bei den Männern um Wesen handelt, die außerhalb der menschlichen Gesellschaft und ihrer Normen stehen. Wenn Myers den Sehnsüchten ihrer Leserinnen ehrlich gegenüber gewesen wäre, hätte sie sich über die Regeln von BDSM informiert. Aber so sind sie und ihre Fans auf der sicheren Seite, aus ihrer alltäglichen Normalität für ein paar Stunden in Dunkelheit in die allumfassenden Trivialität von feuchten Jungmädchenträumen bei halbnackten Männerkörpern fliehen zu dürfen. Nur leider fehlt in dieser Obsession an schlechtem Geschmack das Befreiende der Theatralik und der Sichtbarmachung von Kitsch. Oder wie Susan Sontag zu diesem Stil in ihren „Notes on Camp“ von 1964 sagte: the „love of the unnatural: of artifice and exaggeration“.

Nachtrag: Zu Ghost and Horror Fiction mit LGBT-Personal im Englischen

Youtube: Twilight in a Nutshell
What Would Buffy Do? Notes on Dusting Edward Cullen Jonathan McIntosh erklärt seine Motivation zum Video (siehe oben) bei bitchmedia
The Lady Garden spricht sich gegen die m.E. von ihr falsch verstandene (feministische) Kritik am dargestellten Sex aus: Twilight critics and sex-shaming
feministe (besonders einige der Kommentare sind gut): The best thing you will read today about Breaking Dawn
AlterNet: The Bloody, Twisted, Inverted World of Twilight: Violent Vampire Sex, Demon-Babies and Overwhelming Female Desire
Beziehungen in Twilight: Using Twilight to Educate About Abusive Relationships
Eskapismus: Ein bisschen Sehnsucht
Spiegel sieht Ironie (ausgerechnet!) in Twilight-Verfilmung: Endlich Sex, endlich Action
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