Leichenfledderei: Frankenstein und die Liebe zu toten Lebenden

Seit ich Frankenstein das erste Mal für einen Kurs an der Uni in der Hand hatte, lässt mich die Geschichte nicht mehr los. Meine Exemplare sind so bunt in der englischen und deutschen Fassung von meinen Anstreichungen, dass sie einen lustigeren Eindruck machen, als sie inhaltlich sind. Sollte ich wirklich ein Buch als mein liebstes ausgeben müssen – und ich habe diese Frage schon immer unpassend gefunden – würde dieses auf meine Liste kommen. Es kommt nicht von ungefähr, dass mein erster langer narrativer Text sich mit Mary Shelleys Vision von Wissenschaftlichkeit beschäftigt.

Eine Warnung?

Es gehe um die Geschichte eines Menschen, der Gott spielen will, heißt es. Es wäre eine Warnung, a cautionary tale. Wann immer wir uns den Ausbrüchen, Ereignissen und Auswüchsen gerade der – neudeutsch – Lebenswissenschaften gegenüber sehen, greifen wir zu dem Vergleich mit dem Wesen, das nachträglich den Namen seines ‚Schöpfers‘ bekommen hat. Jedoch ist es nicht einfach die Geschichte eines Wissenschaftlers, der seinen neuen Menschen erschafft. Es geht um einen Mann, der den Tod, der ihm seine Mutter geraubt hat, abzuschaffen gedenkt. Es geht um einen Mann, der nicht anders Leben erschaffen kann, als es zusammenzubasteln. Er ist – anachronistisch nach Claude Lévi-Strauss – ein bricoleur, ein Bastler. Im „Wilden Denken“ (1962) schreibt der Ethnologe, dass Menschen – in diesem Fall eher Männer – nehmen, was da ist und es für sich zusammensetzen. Und genau das tut Victor Frankenstein. Shelley selbst schrieb über das Schreiben als einen solchen Schaffensprozess:

Invention, it must be humbly admitted, does not consist in creating out of the void, but out of chaos; the materials must, in the first place, be afforded: it can give form for the dark, shapeless substance, but cannot bring into being the substance itself. In all matters of discovery and invention, even of those that appertain to the imagination, we are continually reminded of the story of Columbus and his egg. Invention consists of the capacity of seizing on the capabilities of a subject, and the power of moulding and fashioning ideas suggested to it. (Introduction to „Frankenstein“, 1831)

Der Wissenschaftler – und die Autorin – ist nicht der Schöpfer, der aus der Dunkelheit Leben erschafft. Im Gegenteil ist er der Beweis, dass intelligent design an der Intelligenz und Fähigkeiten des Schöpfers scheitern muss. Doch die Kreatur beweist, dass sie innerhalb der ihr vorgegebenen Möglichkeiten sich ausbreiten kann. Aber was sind ihre Möglichkeiten?

Das moderne Monster?

Und mehr noch: Victor Frankenstein erschafft nicht irgendeinen Menschen, der für uns alle stehen könnte. Er basteltet in der Nacht einen männlichen Menschen, an eine Frau hat er gar nicht erst gedacht. Er will Prometheus sein – der Untertitel im englischen Original ist The modern Prometheus. Als plasticator, der den Menschen aus Lehm formt, und als pyrphoros, der das Feuer vom Olymp und damit Wärme und Erleuchtung bringt. Und damit schwebt ihm eine ganze neue Menschenart vor, die ihn als Schöpfer anbeten sollen. Doch er lässt seinen Menschen nach dem ersten Anblick im Stich, weil er so abstoßend ist. Er wurde aus Leichenteilen zusammengesetzt und übermenschlich groß, da Frankenstein zugegeben kein Sinn für Form hat, weswegen der Inhalt ihm auch nicht gefällt. So verlangt denn seine Kreatur, dass er seinen Plan vollendet. Nach harten Rückschlägen will sie von ihm, vertrieben und verstoßen von ihrem Schöpfer, der Familie, unter deren Dach sie lesen und sprechen gelernt hat, gegen ihre Einsamkeit eine Gefährtin, die mit ihr in die Wildnis gehen soll. Während Victor sich ohne Frauen fortpflanzen wollte, ist sein Mann offensichtlich mit allen nötigen Organen ausgestattet und würde diese auch benötigen. Und er scheint zu wissen, wie sie zu benutzen sind, auch wenn über diese Art der Bildung wohlweißlich geschwiegen wird. Jedenfalls befürchtet Frankenstein, sie könnten eine neue Menschenart hervorbringen, die nur Unglück über „seine Menschheit“ bringen wird. Da sie Monster sind, werden sie nur zu Hass, Mord und Totschlag fähig sein. Ob als Ausrede, um nicht noch einmal eine ‚Hässlichkeit‘ basteln zu müssen oder als ehrliche Erkenntnis; jedenfalls sagt Victor, die weibliche Kreatur sei zu ihrem Schicksal nicht gefragt worden, und sie könnte ihnen das sehr übel nehmen. Also verweigert er sich der Forderung seiner Kreatur. Mit den bekannten tödlichen Konsequenzen, nicht für die gesamte Menschheit, wie der Doktor sich und seinem Publikum einzureden versucht, sondern ’nur‘ für ihn.

In Filmen schwelgen wir gern in den Bildern, wenn Frankenstein durch die Friedhöfe und Gebeinhäuser schleicht, um die Einzelteile zu suchen. Doch aus welchen Teilen hat er seine Kreatur zusammengesetzt? Sind es denn alles Organe eines männlichen Menschen? Anfang des 19. Jh. waren die Körperfunktionen nicht dermaßen bekannt, dass solche Fragen eine Rolle gespielt haben könnten. Auch sollte es darum nicht gehen, sondern um die Verantwortung, die der schöpfende Vater gegenüber seinem Sohn hat. Doch mit dem heutigen Wissen der Medizin würde die Kreatur anders aussehen müssen. Wohl auch wegen der Erfahrungen Mary Wollstonecraft Godwin Shelleys mit der Nähe von Geburten zum Tod – von Kindern und der Gebärenden – hatte die Kreatur Anzeichen von Gelbsucht, war dem Tod näher als dem Leben. Die häufigste Todesursache einer Frau war ihr eigenes (Ehe- und Kind-) Bett. Forschen wir heute zu DNA und Hormonen, was würde aus unserer Kreatur? Sie könnte der Inbegriff des postmodernen Menschen werden, zusammengesetzt aus Geschlecht, Ethnie, Klasse, und die Manifestation unseres Unbehagens gegenüber jedem neuen Schritt in der Medizin, der uns als Versprechen auf ein Leben ohne Schmerzen präsentiert wird. Sie symbolisiert die Angst, die wir selbst vor uns haben, weil wir uns nicht verstehen. Würden wir sie deshalb auch aus dem Dorf jagen, so liberal wie wir glauben zu sein?

Die Frage, ob es einen weiblichen Frankenstein heute geben könnte, scheint leichter beantwortet, als sie wirklich ist. Natürlich assoziieren wir mit dem Doktor den verantwortungslosen Forscher, der sich über Ethik und die menschliche Gemeinschaft hinwegsetzt. Doch nicht die Suche nach neuen Antworten auf alte Fragen ist verwerflich – das ist dem Roman deutlich zu entnehmen -, sondern es ist die Verantwortung, wie wir mit unseren Antworten umgehen. Welche Motive hätte eine Forscherin für die Schöpfung eines Menschen, und welche Widerstände kommen auf sie zu? Victor benötigte die toten Frauen – seine Mutter, Justine, seine Ehefrau Elizabeth – in der Erzählung nicht mehr; mehr noch: er kontrollierte und benutzte ihre Fortpflanzungsfähigkeit nicht mehr, er entledigte sich ihrer. Frauen, die in ihrer Zartheit für Ruhe und Entspannung des umtriebigen Wissenschaftlers sorgen, sterben genau an dieser Engelhaftigkeit. Ihren Zweck für das Fortbestehen der Menschheit brauchen sie nicht mehr zu erfüllen.

Frauen in der Kreation?

Doch was wäre, wenn sich eine Frau dies herausnehmen würde? Im dem britischen Fernsehfilm Frankenstein (2007) versucht Dr. Victoria Frankenstein, mithilfe von Stammzellen einen Klon zu ‚erschaffen‘, um ihren totkranken Sohn zu retten. Hier ist es die Mutter, die aus Verzweiflung ethische Grenzen überschreitet. Auf meiner Suche nach einem weiblichen Frankenstein stoße ich auf Männer, die Frauen erschaffen – von den vielen Filmen bis hin zu den Variationen von Pygmalion -, aber keine erschaffende Frau. Der Film Making Mr. Right (1987) zeigt uns eine PR-Beraterin, die von einem Wissenschaftler beauftragt wird, einen Androiden menschenähnlich zu machen. Seine Umgangsformen sollen die US-Regierung überzeugen, diese Forschung weiter zu unterstützen. Sie verliebt sich in ihn und formt ihn – in Anlehnung an Pygmalion -, wie sie sich einen richtigen Mann vorstellt. Doch auch hier hat sie sich den Menschen nicht vollständig selbst geschaffen; sie bekommt ein Gerät, dass sich die moderne Frau von heute nach ihren Wünschen einstellen kann.

Auf meiner Suche stoße ich immer wieder auf Fragen, die in Mary Shelleys Werk keine Erwähnung finden. So stolperte ich über die etwas abseitige Frage nach der ‚Materialbeschaffung‘. Wir lesen, Frankenstein schleicht nachts in Gebeinehäuser für seinen Menschen. Wonach sucht er sie aus? Und nimmt er nur das mit, was er braucht? Filme haben gern mit dem Bild des verrückten Gehirns gespielt, das die Persönlichkeit des Monsters beeinflusst. Die Frage, ob ein Bewusstsein- oder nennen wir es auch Seele? – durch die Einzelteile bestimmt wird, ist durch Gedankenspiele von Kopftransplantationen von einer neuen Qualität. Herzen, dem Sitz der Seele zu Shelleys Zeiten, können wir schon austauschen. Doch der Topos, dass Organe von wahnsinnigen VorbesitzerInnen den Körper und die Persönlichkeit des neuen Menschen übernehmen, lebt in der Fiktion. Sind wir frei von dieser Angst, auch wenn die Medizin die Bestimmung durch Organe so nicht vertritt? Was aber ist dann mit Hormonen? Wie würde unsere Kreatur dadurch beeinflusst werden, wenn Hypothalamus, Hypophyse, Geschlechtsorgane und Leber von unterschiedlichen Menschen stammen?  Auch was er mit dem restlichen Körperteilen macht, die er nicht verwendet, verschweigt der Doktor. Die Würde der Toten wird auch nicht wirklich gewahrt, dass sie in der Kreatur teilweise wieder zum Leben erweckt werden. Victor spricht nicht darüber, was die toten Menschen für ihn bedeuten, wie es ist, sie so vor sich zu sehen und doch nur bloße Teile von ihnen zu wollen. Was wird aus dem restlichen Menschen?

Feministischer Frankenstein?

Ist die Beschäftigung mit solchen Fragen gewaltverherrlichend, besonders wenn es um die Absurditäten bei einem übermenschlichen Vorhaben durch einen Verblendeten geht? Als Feministin könne ich solche Texte nicht schreiben, wurde mir gesagt. Ich wäre morbide. Gibt es einen politisch korrekten Umgang mit der Frage, wie moderne Frankensteins arbeiten und ob sie das überhaupt tun dürfen? So heftig wie der Ethikrat über Mensch-Tier-Mischwesen, also Chimäre, im letzten Jahr diskutierte, sind die Fragen sehr wohl noch relevant für die Literatur.

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