Leichenfledderei: Frankenstein und die Liebe zu toten Lebenden

Seit ich Frankenstein das erste Mal für einen Kurs an der Uni in der Hand hatte, lässt mich die Geschichte nicht mehr los. Meine Exemplare sind so bunt in der englischen und deutschen Fassung von meinen Anstreichungen, dass sie einen lustigeren Eindruck machen, als sie inhaltlich sind. Sollte ich wirklich ein Buch als mein liebstes ausgeben müssen – und ich habe diese Frage schon immer unpassend gefunden – würde dieses auf meine Liste kommen. Es kommt nicht von ungefähr, dass mein erster langer narrativer Text sich mit Mary Shelleys Vision von Wissenschaftlichkeit beschäftigt.

Eine Warnung?

Es gehe um die Geschichte eines Menschen, der Gott spielen will, heißt es. Es wäre eine Warnung, a cautionary tale. Wann immer wir uns den Ausbrüchen, Ereignissen und Auswüchsen gerade der – neudeutsch – Lebenswissenschaften gegenüber sehen, greifen wir zu dem Vergleich mit dem Wesen, das nachträglich den Namen seines ‚Schöpfers‘ bekommen hat. Jedoch ist es nicht einfach die Geschichte eines Wissenschaftlers, der seinen neuen Menschen erschafft. Es geht um einen Mann, der den Tod, der ihm seine Mutter geraubt hat, abzuschaffen gedenkt. Es geht um einen Mann, der nicht anders Leben erschaffen kann, als es zusammenzubasteln. Er ist – anachronistisch nach Claude Lévi-Strauss – ein bricoleur, ein Bastler. Im „Wilden Denken“ (1962) schreibt der Ethnologe, dass Menschen – in diesem Fall eher Männer – nehmen, was da ist und es für sich zusammensetzen. Und genau das tut Victor Frankenstein. Shelley selbst schrieb über das Schreiben als einen solchen Schaffensprozess:

Invention, it must be humbly admitted, does not consist in creating out of the void, but out of chaos; the materials must, in the first place, be afforded: it can give form for the dark, shapeless substance, but cannot bring into being the substance itself. In all matters of discovery and invention, even of those that appertain to the imagination, we are continually reminded of the story of Columbus and his egg. Invention consists of the capacity of seizing on the capabilities of a subject, and the power of moulding and fashioning ideas suggested to it. (Introduction to „Frankenstein“, 1831)

Der Wissenschaftler – und die Autorin – ist nicht der Schöpfer, der aus der Dunkelheit Leben erschafft. Im Gegenteil ist er der Beweis, dass intelligent design an der Intelligenz und Fähigkeiten des Schöpfers scheitern muss. Doch die Kreatur beweist, dass sie innerhalb der ihr vorgegebenen Möglichkeiten sich ausbreiten kann. Aber was sind ihre Möglichkeiten?

Das moderne Monster?

Und mehr noch: Victor Frankenstein erschafft nicht irgendeinen Menschen, der für uns alle stehen könnte. Er basteltet in der Nacht einen männlichen Menschen, an eine Frau hat er gar nicht erst gedacht. Er will Prometheus sein – der Untertitel im englischen Original ist The modern Prometheus. Als plasticator, der den Menschen aus Lehm formt, und als pyrphoros, der das Feuer vom Olymp und damit Wärme und Erleuchtung bringt. Und damit schwebt ihm eine ganze neue Menschenart vor, die ihn als Schöpfer anbeten sollen. Doch er lässt seinen Menschen nach dem ersten Anblick im Stich, weil er so abstoßend ist. Er wurde aus Leichenteilen zusammengesetzt und übermenschlich groß, da Frankenstein zugegeben kein Sinn für Form hat, weswegen der Inhalt ihm auch nicht gefällt. So verlangt denn seine Kreatur, dass er seinen Plan vollendet. Nach harten Rückschlägen will sie von ihm, vertrieben und verstoßen von ihrem Schöpfer, der Familie, unter deren Dach sie lesen und sprechen gelernt hat, gegen ihre Einsamkeit eine Gefährtin, die mit ihr in die Wildnis gehen soll. Während Victor sich ohne Frauen fortpflanzen wollte, ist sein Mann offensichtlich mit allen nötigen Organen ausgestattet und würde diese auch benötigen. Und er scheint zu wissen, wie sie zu benutzen sind, auch wenn über diese Art der Bildung wohlweißlich geschwiegen wird. Jedenfalls befürchtet Frankenstein, sie könnten eine neue Menschenart hervorbringen, die nur Unglück über „seine Menschheit“ bringen wird. Da sie Monster sind, werden sie nur zu Hass, Mord und Totschlag fähig sein. Ob als Ausrede, um nicht noch einmal eine ‚Hässlichkeit‘ basteln zu müssen oder als ehrliche Erkenntnis; jedenfalls sagt Victor, die weibliche Kreatur sei zu ihrem Schicksal nicht gefragt worden, und sie könnte ihnen das sehr übel nehmen. Also verweigert er sich der Forderung seiner Kreatur. Mit den bekannten tödlichen Konsequenzen, nicht für die gesamte Menschheit, wie der Doktor sich und seinem Publikum einzureden versucht, sondern ’nur‘ für ihn.

In Filmen schwelgen wir gern in den Bildern, wenn Frankenstein durch die Friedhöfe und Gebeinhäuser schleicht, um die Einzelteile zu suchen. Doch aus welchen Teilen hat er seine Kreatur zusammengesetzt? Sind es denn alles Organe eines männlichen Menschen? Anfang des 19. Jh. waren die Körperfunktionen nicht dermaßen bekannt, dass solche Fragen eine Rolle gespielt haben könnten. Auch sollte es darum nicht gehen, sondern um die Verantwortung, die der schöpfende Vater gegenüber seinem Sohn hat. Doch mit dem heutigen Wissen der Medizin würde die Kreatur anders aussehen müssen. Wohl auch wegen der Erfahrungen Mary Wollstonecraft Godwin Shelleys mit der Nähe von Geburten zum Tod – von Kindern und der Gebärenden – hatte die Kreatur Anzeichen von Gelbsucht, war dem Tod näher als dem Leben. Die häufigste Todesursache einer Frau war ihr eigenes (Ehe- und Kind-) Bett. Forschen wir heute zu DNA und Hormonen, was würde aus unserer Kreatur? Sie könnte der Inbegriff des postmodernen Menschen werden, zusammengesetzt aus Geschlecht, Ethnie, Klasse, und die Manifestation unseres Unbehagens gegenüber jedem neuen Schritt in der Medizin, der uns als Versprechen auf ein Leben ohne Schmerzen präsentiert wird. Sie symbolisiert die Angst, die wir selbst vor uns haben, weil wir uns nicht verstehen. Würden wir sie deshalb auch aus dem Dorf jagen, so liberal wie wir glauben zu sein?

Die Frage, ob es einen weiblichen Frankenstein heute geben könnte, scheint leichter beantwortet, als sie wirklich ist. Natürlich assoziieren wir mit dem Doktor den verantwortungslosen Forscher, der sich über Ethik und die menschliche Gemeinschaft hinwegsetzt. Doch nicht die Suche nach neuen Antworten auf alte Fragen ist verwerflich – das ist dem Roman deutlich zu entnehmen -, sondern es ist die Verantwortung, wie wir mit unseren Antworten umgehen. Welche Motive hätte eine Forscherin für die Schöpfung eines Menschen, und welche Widerstände kommen auf sie zu? Victor benötigte die toten Frauen – seine Mutter, Justine, seine Ehefrau Elizabeth – in der Erzählung nicht mehr; mehr noch: er kontrollierte und benutzte ihre Fortpflanzungsfähigkeit nicht mehr, er entledigte sich ihrer. Frauen, die in ihrer Zartheit für Ruhe und Entspannung des umtriebigen Wissenschaftlers sorgen, sterben genau an dieser Engelhaftigkeit. Ihren Zweck für das Fortbestehen der Menschheit brauchen sie nicht mehr zu erfüllen.

Frauen in der Kreation?

Doch was wäre, wenn sich eine Frau dies herausnehmen würde? Im dem britischen Fernsehfilm Frankenstein (2007) versucht Dr. Victoria Frankenstein, mithilfe von Stammzellen einen Klon zu ‚erschaffen‘, um ihren totkranken Sohn zu retten. Hier ist es die Mutter, die aus Verzweiflung ethische Grenzen überschreitet. Auf meiner Suche nach einem weiblichen Frankenstein stoße ich auf Männer, die Frauen erschaffen – von den vielen Filmen bis hin zu den Variationen von Pygmalion -, aber keine erschaffende Frau. Der Film Making Mr. Right (1987) zeigt uns eine PR-Beraterin, die von einem Wissenschaftler beauftragt wird, einen Androiden menschenähnlich zu machen. Seine Umgangsformen sollen die US-Regierung überzeugen, diese Forschung weiter zu unterstützen. Sie verliebt sich in ihn und formt ihn – in Anlehnung an Pygmalion -, wie sie sich einen richtigen Mann vorstellt. Doch auch hier hat sie sich den Menschen nicht vollständig selbst geschaffen; sie bekommt ein Gerät, dass sich die moderne Frau von heute nach ihren Wünschen einstellen kann.

Auf meiner Suche stoße ich immer wieder auf Fragen, die in Mary Shelleys Werk keine Erwähnung finden. So stolperte ich über die etwas abseitige Frage nach der ‚Materialbeschaffung‘. Wir lesen, Frankenstein schleicht nachts in Gebeinehäuser für seinen Menschen. Wonach sucht er sie aus? Und nimmt er nur das mit, was er braucht? Filme haben gern mit dem Bild des verrückten Gehirns gespielt, das die Persönlichkeit des Monsters beeinflusst. Die Frage, ob ein Bewusstsein- oder nennen wir es auch Seele? – durch die Einzelteile bestimmt wird, ist durch Gedankenspiele von Kopftransplantationen von einer neuen Qualität. Herzen, dem Sitz der Seele zu Shelleys Zeiten, können wir schon austauschen. Doch der Topos, dass Organe von wahnsinnigen VorbesitzerInnen den Körper und die Persönlichkeit des neuen Menschen übernehmen, lebt in der Fiktion. Sind wir frei von dieser Angst, auch wenn die Medizin die Bestimmung durch Organe so nicht vertritt? Was aber ist dann mit Hormonen? Wie würde unsere Kreatur dadurch beeinflusst werden, wenn Hypothalamus, Hypophyse, Geschlechtsorgane und Leber von unterschiedlichen Menschen stammen?  Auch was er mit dem restlichen Körperteilen macht, die er nicht verwendet, verschweigt der Doktor. Die Würde der Toten wird auch nicht wirklich gewahrt, dass sie in der Kreatur teilweise wieder zum Leben erweckt werden. Victor spricht nicht darüber, was die toten Menschen für ihn bedeuten, wie es ist, sie so vor sich zu sehen und doch nur bloße Teile von ihnen zu wollen. Was wird aus dem restlichen Menschen?

Feministischer Frankenstein?

Ist die Beschäftigung mit solchen Fragen gewaltverherrlichend, besonders wenn es um die Absurditäten bei einem übermenschlichen Vorhaben durch einen Verblendeten geht? Als Feministin könne ich solche Texte nicht schreiben, wurde mir gesagt. Ich wäre morbide. Gibt es einen politisch korrekten Umgang mit der Frage, wie moderne Frankensteins arbeiten und ob sie das überhaupt tun dürfen? So heftig wie der Ethikrat über Mensch-Tier-Mischwesen, also Chimäre, im letzten Jahr diskutierte, sind die Fragen sehr wohl noch relevant für die Literatur.

Veröffentlicht unter Adaptionen, Feminismus nicht nach dem Komma, Literatur in der Praxis, Wunder & deren Menschen | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Mimikry in Memes

Ich könnte mich jetzt outen und zugeben, dass ich mich mit Memes noch nie auseinandergesetzt oder sie für mich für wichtig erachtet habe. Aber das wäre zu selbstbezogen und würde vom Thema ablenken. Also beginne ich damit, dass ich seit etwa einer Woche auf diese wunderbaren Bilder aufmerksam geworden bin, die mich zum Schmunzeln bringen und durchaus etwas über mich aussagen.

meme taken from mädchenmannschaft

Oder:

taken from http://thefeministbride.com/wp-content/uploads/2012/02/Feminist-Meme.jpg

Das sind diejenigen, die ich mit Frauen gefunden habe. Trotzdem mag ich auch das hier:

vom Autor Darin Calhoun

taken from Darin Calhoun's FB-page

oder von Autorin Karin Kallmaker (klassisch, auch mit Frauen)

taken from Karin Kallmaker's FB-pagetbc

beeker, mon amour

Nun habe ich auch das hier noch gefunden, das uns als Studierende der Literaturwissenschaften doch ganz gut zeichnet (und diesmal auch gemischtgeschlechtlich):

Literature Major

Veröffentlicht unter Literatur in der Praxis, Unglaubliches, Wunder & deren Menschen | Verschlagwortet mit , | 14 Kommentare

Ein Fotograf der Moderne

Dezember 2010Gestern starb im Alter von 90 Jahren der US-amerikanische Fotograf japanischer Herkunft Ishimoto Yasuhiro (14. Juni 1921 – 6. Januar 2o12) .

Ich lernte ihn bzw. seine Arbeiten durch die Ausstellung im Bauhaus-Archiv kennen, da ich sehr gemischte Gefühle zu seinen Motiven habe. Ich erlebte die Villa, die er so wunderbar ohne Menschen in Schwarz-Weiß festhielt, in ihrer vollen Schönheit im Kyotoer Winter. Und alle, die diese nasse Kälte einmal mitgemacht haben, wissen, wie die Farben des kaiserlichen Vergnügungssitzes Katsura Rikyû 桂離宮 aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts leuchten und wie unangenehm das alles am Körper werden kann. Ich schaffte es an jenem Dezembertag 2010, meine Geldbörse in dem strengbewachten Garten liegen zu lassen. Das fiel mir erst am 20 Minuten entfernten Bahnhof Katsura auf. Also musste ich noch einmal durch den strömenden Regen, um meine kleine Börse glücklich und trocken in der Guest Lounge zu finden. Zu dieser Villa selbst bekommt die Reisende nur Zutritt über eine Anmeldung beim kaiserlichen Hofamt in Kyoto selbst. Und Japanischkenntnisse sind von immensem Vorteil. Dann wurde ich aber mit Anblicken belohnt, die auch deutsche Architekten wie Bruno Taut beeindruckt hatten. An meine Reise durch den Garten, in welchem Teile meines Reisetagebuches unwiederbringlich verschwimmen sollten, musste ich denken, als ich Ishimotos Bilder sah. Ich erkannte die Gebäude wieder, die die Trennung von Innen und Außen kaum kennen, die die Landschaft und die Häuser verschmelzen lassen. Hier saßen die Adligen in ihrer harmonischen Welt, weit weg vom Trubel der Hauptstadt, und dichteten, beobachteten das Spiel der Jahreszeiten und träumten von einer Welt, in der sie nicht durch den Shôgun im fernen Edo, dem heutigen Tokyo, entmachtet sein würden. Diese Muße hätte ich mir auch gern gegönnt, wenn ich nicht so nass geworden wäre.

Es sind diese Bilder, mit denen Ishimoto auch den Blick auf die moderne Architektur beeinflusste, indem er mit Walter Gropius und Tange Kenzô über die Strukturen japanischer Architektur und ihre Möglichkeiten im 20. Jahrhundert schrieb: Katsura: Tradition and Creation in Japanese Architecture (1960). Die Offenheit und Schlichtheit, die diese Männer in feudalen japanischen Bauten mit ihren Gärten sahen, prägte ihr Schaffen nachhaltig. Ich erinnere mich an die Höhe der Häuser, und auch Ishimoto nahm die Gebäude so auf, dass die Gänge für die dienstbaren Geister gut zu sehen sind. Geduckt huschten diese in feudalen Zeiten unter den Böden hindurch, um ihren Damen und Herren das süße Leben in melancholischer Naturbetrachtung zu erleichtern. Daher rührte auch die Angst, dass zwischen den Begrenzungen der Reisstrohmatten Schwerter die unbeschuhte Sohle von unten empfindlich treffen könnten. Noch heute wird ungern auf die Umrandung dieses traditionellen Bodenbelags getreten. Und mit der Beobachtung solcher Details werden Ishimotos Bilder der architektonischen Meisterleistung des Parks Katsura mehr als gerecht. Bis zum 12.3.2012 ist die Ausstellung, die durch persönliche Schenkungen des Fotografen an das Archiv bereichert wurde, noch in Berlin zu sehen.

Und die Seite des Bauhaus-Archivs ist hier: Ishimoto im Baushaus-Archiv, Berlin

Einige Bilder von ihm sind auch hier zu sehen: A Japanese Book.Dezember 2010

 
Veröffentlicht unter Reisen in Theorie und Praxis, Wunder & deren Menschen | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Globalisierung des Wahnsinns: Kanada

Wie einige queere Plattformen des englischsprachigen Raums heute berichten, versucht nun die konservative Regierung Kanadas unter Premierminister Stephen Harper, ganz praktisch zwei Fliegen mit einer Diskriminierungsklappe zu schlagen. Menschen, die keine kanadischen Staatsbürger*Innen sind, sind nicht verheiratet, wenn dies in ihrem Herkunftsland nicht erlaubt ist. Das gilt natürlich nur für homosexuelle Menschen.

Kanada war 20. Juli 2005 mit dem Civil Marriage Act das vierte Land der Welt und das erste auf den amerikanischen Kontinenten, das durch eine geschlechtsneutrale Definition der Ehe eine Gleichstellung homosexueller mit heterosexueller Zweisamkeit rechtlich herbeiführte. Die konservative Regierung, die durch die vorgezogenen Neuwahlen am 2. Mai 2010 erneut im Unterhaus die Mehrheit – diesmal zum ersten Mal die absolute – gewann, scheint sich nun daran zu machen, dieses Erbe der Regierung der Liberalen, die 2006 die Unterhauswahlen verloren, durch Aussitzen abzuschaffen. International hat sich Kanada schon mit dem Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll unmöglich gemacht, und nun soll wohl die Begründung von unterschiedlichem Recht in anderen Staaten für die Ungleichbehandlung von Menschen im eigenen Land herhalten. Das Ganze ist eine einzige Farce. Denn seit wann gilt: was in deinem Land (un-)recht ist, nehmen wir als Basis, dich bei uns auch zu diskriminieren?

Premierminister Harper sagte gegenüber der Presse (Huffington Post Canada), dass er die Diskussion zu LGBT-Rechten nicht wieder öffnen würde. Damit ist der Fall in die Gerichte abgeschoben, an die sich Betroffene gegebenenfalls jetzt wenden können und sollen; was schwierig wird, wenn mensch nicht Staatsbürger*In Kanadas ist. Es wird wieder auf die Individuen geschoben; sie können sich ja um ihre (Wieder-)Anerkennung selbst bemühen.

Aufsehen erregte diese seltsame Konstruktion, dass Paare, die im eigenen Land nicht heiraten dürfen, das eigentlich auch nicht in Kanada können, als sich ein lesbisches Paar scheiden lassen wollte. Die beiden Frauen hatten in Toronto 2005 geheiratet und erfuhren nun vom Justizministerium, dass sie sich nicht legal trennen könnten, weil sie nach dem Gesetz gar nicht verheiratet sind. So machte in diversen social networks (siehe Artikel Huffington Post) die Runde, dass heute morgen Menschen in dem Land aufwachten und feststellten, dass der Staat sie geschieden hätte. Das nahmen dann auch einige AktivistInnen wie der US-amerikanische Aktivist Dan Savage zum Anlass, erst einmal kopfschüttelnd zu sagen: ich muss meinem Mann erst einmal erzählen, dass wir geschieden worden sind.

Zur Zeit dreht sich in Kanada erst einmal alles im Kreis, da die Regierung sich nicht konkret dazu äußert, was sie in der Diskussion nicht öffnen will. Gleichzeitig hängen die Paare in der Luft, weil sie ihren legalen Status auf einmal in Frage gestellt sehen; doch nicht nur in Kanada. Ob das auf die Dauer für Witze herhält – selbst Savage wird bei seinen Updates immer verwirrter ob der Konsequenzen für seinen Partner und sich – , wage ich zu bezweifeln. Denn wenn es Konservativen in den Sinn kommt, diskriminierende Gesetze anderer Länder als Entschuldigung der Diskriminierung im eigenen Land den Mund zu reden und zu sagen, du kannst ja klagen, wenn es dir nicht gefällt, dann sehe ich Tür und Tor für noch ganz andere unschöne Dinge ebenso offen.

Nachtrag (15.1.2012): Laut Advocate vom 13.1. 2012 ließ Justizminister Rob Nicholson an jenem Freitag in mehreren kanadischen Medien verlauten, dass die bisher geschlossenen und auch die zukünftigen Ehen rechtens sind. Der Justizminister widerspricht damit der Aussage Premierminister Harpers, das Gesetz nicht noch einmal öffnen zu wollen. Der Druck wird von AktivistInnen damit jedoch nicht aufhören, denn es scheint gesetzliche Schlupflöcher zu geben, wenn ein Mitarbeiter des Ministeriums einfach einmal die Rechtmäßigkeit einer Eheschließung im eigenen Land aberkennen kann. Lambda Legal, das National Center for Lesbian Rights, die American Civil Liberties Union, Gay and Lesbian Advocates and Defenders sowie Freedom to Marry gehen aber davon aus, dass sich die Gerichte an das Gesetz halten und die Ehen nicht auflösen werden, das hätten sie die Jahre zuvor auch nicht getan: „LGBT Legal Groups: Canadian Marriages of Same-Sex Couples Are Not in Jeopardy“. (Website Lambda, 12.1.2012).

Nachtrag (7.2.2012): California. In einer 2:1-Entscheidung (Dokument hier) stellte das Berufungsgericht endlich fest, dass Proposition 8 (Eliminates Rights of Same-Sex Couples to Marry. Initiative Constitutional Amendment) verfassungswidrig ist. Es dürfen jedoch noch keine Ehen wieder geschlossen werden. Zur Geschichte von Prop 8 hier.

Nachtrag (18.2.2012): Gestern sollte Generalstaatsanwalt und Justizminister Rob Nicholson in der Regierung die Lücke im Gesetz schließen: Canada expected to fill gay marriage ‘gap’ today (Pink News, 17.2.2012).

A Visual History of the Gay-Rights Movement in TimeOpinion
Equal marriage homepage
canada-marriage-faq von Lambda Legal (pdf)
Legal groups: Canada’s overseas gay marriages are safe in Pink News (12.1.2012)
‚Sieben Jahre nach der Eheöffnung. Kanada: Sind Tausende Homo-Ehen ungültig?‚ (13.1.2012) bei queer.de
‚Canadian Gov’t Dissolves Thousands of Same-Sex Marriages (Including Dan Savage’s)‘ (12.1.2012) auf  Unicorn Booty
‚Same-sex marriage advances in Canada‘ (2005) in der Washington Post
Veröffentlicht unter Beschissenes aus Bielefeld, Rechtschaffene Intoleranz, Was geht dich meine Sexualität an? | Verschlagwortet mit , , , , , , | 2 Kommentare

Die Einzelgängerin: Meine Jahre

Wir, die wir uns für wichtig halten und unsere Meinung der Welt mitteilen wollen, wagen einen Blick zurück und einen Blick in die Glaskugel. Mein Jahr 2011 begann, wie ich hoffe, dass 2012 enden wird: in Japan. Ich besuchte im Januar eine meiner Lieblingsstädte January 2011dieser Welt und dachte mir auf ein Neues, wie klein ich doch bin. Witzigerweise beruhigt mich dieser Gedanke immer wieder. Ich liebe Hiroshima, und ich hatte wieder viele Ideen, wie ich meine Eindrücke verarbeiten kann.

2011 war ein wichtiges Jahr, und nachdem ich 2009 als annus horribilis und 2010 kaum in Erinnerung habe, war das eine wunderbare Abwechslung. Ich verließ Japan am 24. Januar und bekam nach meiner Rückkehr nach Deutschland viele beunruhigte Mails, ob ich es denn rechtzeitig geschafft hätte. Als am 11. März 2011 das Higashi-nihon Dai-shinsai („Das Große Erdbeben Ostjapans“) 東日本大震災 zuschlug, war ich nicht mehr im Land. Meine Familie bangte meine Familie bis Anfang Juni um das Überleben besonders einer sehr guten Freundin von uns. Sie wohnte in Sendai. Als wir endlich von ihr erfuhren – wir hatten eine japanische Anzeige in einem der online Suchmaschinen aufgesetzt -, schrieb sie nur, dass sie alles verloren hatten. Es sind die kleinen Dinge, die unser Leben erträglich machen. Denn sie schrieb, dass sie am meisten bedaure, nicht mit Minato mirai January 2011uns kommunizieren zu können, da sie ihr Deutschwörterbuch verloren hatte. Seit dem haben wir von ihr nichts mehr gehört. Ich hoffe, ihre Familie hat eine Unterkunft finden können.

Ich reiste im Februar von Tokyo nach San Francisco, um eine Freundin zu besuchen. Ich wollte diesen Ausklang, weil ich nach etwas suchte. Eine jede Reise führt uns zwangsläufig zu uns selbst, und ich wollte zu mir finden. Wir sprachen viel über meine Zweifel, mit Anfang 30 noch einmal neu anfangen zu müssen. So bezeichnete ich meine Erkenntnis, lesbisch zu sein. Bei einem Kaffee in der Februarsonne in Mission – nach einem langen Spaziergang durch Castro – fragte mich meine Freundin, warum ich mich unbedingt festlegen will. Ich wüsste doch, dass ich nicht heterosexuell bin. Meine Antwort war, dass ich das politisch sehe. Ich bin auf der Suche nach Traditionen und Kämpfen, in die ich mich einordnen, gegen die ich auch anstoßen kann. Ich habe immer Frisco February 2011die Geborgenheit einer Community gebraucht. Und wenn ich mich selbst nicht definiere, tun es andere. Denn wie oft habe ich schon sagen müssen, dass ich nicht auf der Suche nach meinem TraumPRINZEN bin. Und das hat nach SF nicht aufgehört. Ich war mir nur sicher geworden, was ich will. Seitdem fühle ich mich wohler und offener. Ironischerweise habe ich danach angefangen, mich weiblicher zu kleiden und spielerischer mit mir und meinem Körper umzugehen.

2011 reifte in mir der Gedanke, keine Karriere in der Politik machen zu wollen. Zwei Jahre lang kämpfte ich als Feministin in der Partei DIE LINKE für Selbstermächtigung und Autonomie, und als dann beim Parteitag in Erfurt alles über den Haufen geworfen wurde, woran ich politisch glaube, hatte ich keine Lust mehr. Ich habe vergessen, mich mit dem Parteiprogramm zu beschäftigen, was viel über meine Motivation aussagt. Ich hatte mir bis zum Ende des Jahres eine Frist gesetzt, ob ich austreten soll. Eigentlich war die Antwort schnell klar geworden.

Als sich auch wissenschaftlich wenig ergab, worauf ich eine Karriere an der Universität aufbauen konnte, war auch auf diesem Gebiet meine Motivation flöten. Ich hatte immer geglaubt, dass ich die Einsamkeit der Forschung mit meiner eigenen Leidenschaft für Wissen ausgleichen könnte, aber weit gefehlt. Ich hatte im April zwar ein Stipendium bekommen und konnte nicht über finanzielle Sorgen klagen. Aber September 2011mangelnder Eigenantrieb und fehlende Betreuung taten ihr übriges, um mich aus meiner Dissertation zu kegeln. Erst gegen Weihnachten schaffte ich es, mir über einen Nebeneinstieg wieder Zugang zu meiner Neugierde zu schaffen.

In der Zwischenzeit hatte ich Literatur zu meiner Sexualität gelesen. Denn ich finde den Zugang zur Welt über Bücher. Ich las Isherwood, US-amerikanische gay plays, Sarah Waters. Zur Zeit lese ich Klaus Manns Memoiren, weil schon Christopher schrieb, sie hätten sich 1936 in Amsterdam getroffen. Ich warf einen Blick in Bücher und Texte zur „Knabenliebe“ nanshoku 男色 im frühneuzeitlichen Japan.

Und das bringt mich zu meinen Texten. Ich habe drei Jahre mit dem Frankensteinstoff gekämpft. 2012 sollen meine Erzählungen fertig werden. Ich möchte die Begegnung in September 2011Amsterdam bearbeiten, über die Verfolgung Homosexueller in der direkten Nachkriegszeit schreiben. Dafür reiste ich: 2011 war ich das erste Mal in Auschwitz (English blog post). Meine Nicaraguaerzählungen harren der queeren Vervollständigung. Denn ich glaube, dass es zur Zeit keinen
guten historischen Romane von Frauen und für Frauen gibt. Wir lassen uns intellektuell verdummen. Und das für viel Geld. Aber das ist eine andere Erzählung.

Wichtig ist mir in diesem Jahr, dass ich weiterreise. Emotional, intellektuell und sexuell. And the rest shall not be silence.

Jahresrückblick von Kweens: Der große Jahresrückblick 2011
Puzzlestücke: Alles Gute!
Veröffentlicht unter Literarische Bewegungen, Literatur in der Praxis, Reisen in Theorie und Praxis, Was geht dich meine Sexualität an? | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Unbehagen der Geschlechter: Spiel der Stereotype in „Romeos“

(Achtung: Spoilers) Transidentitäten verursachen doch ein „Unbehagen der Geschlechter“ (Butler). Das war in der Kritik an der FSK  (Teil 1 der Diskussion hier) zu lesen, aber auch in der Berliner Premiere im Kino International zum MonGay (5. Dezember) zu spüren. Transgender ist strukturell die Hinwendung zu einem Geschlecht und die Ablehnung von einem anderen in einer Person. Und das erzählt der Film Romeos in einer Liebesgeschichte und Entdeckungsreise. Wie in einer Coming-of-Age-Erzählung üblich wird gegen Widerstände gekämpft und der eigene von Vorstellungen verstellte Blick geschärft und geändert. Am klassischen Ende kommt der Held in der Gesellschaft an, die ihn erst ablehnte, um ihn dann verändert zu akzeptieren. Dass dafür nicht nur Stereotype benutzt und gebrochen wurden, sondern auch struktureller Sexismus vorkommen musste, bereitete mir Unbehagen.

Die Regisseurin, Sabine Bernardi, sagte in der Printausgabe der Siegessäule (Dezember), dass ihr Film mit Stereotypen spielt. Sie bezieht sich damit vor allem auf den Machotyp Fabio:

Und ich fand es reizvoll, dass sich bei jeder Figur diese erste Rolle mit der Zeit auflöst. Ich wollte gern, dass man an vielen Stellen auch über die Rollenverständnisse nach und nach umgekrempelt werden. Das sollte eine leichte Ironie haben, aber trotzdem auch Emotionalität.

Ich würde Nadin vom Blog Kweens zustimmen, dass genau die Stereoytpe wie der Macho Fabio, die Lipstick-Lesbian und beste Freundin Ine sowie die um Verständnis bemühte heterosexuelle Umgebung auf die Fassadenhaftigkeit von Normalität weisen. Gerade die Transphobie der (Kölner) queeren Szene, deren Unbehagen mit Körpern, die sich nicht eindeutig einordnen lassen, wird mit Nachsicht und feiner Ironie gezeichnet. Dieses Unbehagen in Film und im Publikum macht sich an diesem Körper fest, der sich (noch) nicht eindeutig zuordnen lässt. Das macht den Charme des Filmes im Spiel mit Stereotypen und Vorannahmen aus. Und das war auch an den Reaktionen im International zu spüren. Sehr schnell wird der Macho Fabio für den Protagonisten, der nach seinem Outing für seinen Zivildienst nach Köln kommt, zum Objekt der Sehnsucht. Als pre-op FtM Transsexueller wird Lukas in das Schwesternwohnheim geschickt. Auf Parties, am See im heißen städtischen Sommer versteckt er seinen Körper unter T-Shirts und Jacken. Die Verwaltung seines Wohnheimes stellt dabei ebenso neugierige und übergriffige Fragen wie Fabio, nachdem er glaubt zu wissen, mit wem er es zu tun hat.

Mein Unbehagen rührt von der Thematisierung des weiblichen Körpers als etwas Abzulehnendes. Die Erzählung einer Geschlechtsanpassung ist strukturell die einer Ablehnung und Überwindung von etwas Unerwünschtem hin zu etwas Erträumten. Dementsprechend fährt der Blick der Kamera über nackte Männerbrüste und konstruiert biologische Geschlechter. Ine kommentiert kurz nach Lukas‘ Ankunft im Schwesternwohnheim seinen Achselhaarwuchs, später seine veränderten dickeren Augenbrauen und seinen Schweißgeruch. Der Blick auf den Bartwuchs zeichnet eine biologische Männlichkeit. Geschlecht wird am Ende als biologisch festgelegt erzählt, und es gibt keine Figur, die das brechen würde. Gerade die Abwesenheit anderer queerer Identitäten, die eben nicht der heteronormativen Dichotomie entsprechen, ließ mich manchmal seufzen.

Mir ist bewusst, dass es sich bei Romeos um eine junge Liebesgeschichte und Selbstfindung handelt, die das Unbehagen mit kathartischen Lachen abfedern möchte. Und dafür mag ich diesen Film. Doch den Sexismus als comic relief fand ich unangebracht. Wenn Lukas Ines nackten Brüste am See berührt, um freudig zu verkünden, dass diese bald bei ihm weg sein werden, ist das aus seiner Perspektive zu verstehen. Doch die Abwertung des weiblichen Körpers wird nicht gekontert. Die Party-Lesbe Ine kann es nicht, da sie als beste Freundin der Sidekick ist, die ihn in die Szene einführen darf.  (Ich war kurz versucht, den Bechdel-Test bei ihr anzuwenden). Ihre Liebesnöte kontrastieren mit den seinen und sind die dramatischen Momente, in denen er seine beste Freundin zu verlieren droht und sich entscheiden muss, wieviel ihm sein altes Leben bedeutet. Nach einem kurzen Streit, in welchem sie ihm vorwirft, er würde sich nur noch mit „Transsachen“ und damit mit sich selbst beschäftigen, liegen sie später in ihrem Bett, und sie umarmt ihn. Die alten Bilder ihrer Freundschaft kommentiert er mit der Ablehnung seiner „dicken Schenkel“ als Miriam.

Das Überkommen von Transphobie wurde im Kino am Montag beklatscht, doch auch hier machte sich Unbehagen breit. Im Alkoholrausch landet Lukas im eigenen Bett mit Kumpel Sven, der ebenso verlassen wurde. Beide wollen sich miteinander ablenken. Lukas versucht, sich seines Körpers zu erwehren, bevor er sich als pre-op outet. Ein kurze Verwirrung folgt, dann greift der Partner kräftig nach Lukas‘ Brüsten und meint, dass es eben einmal vorne reingehen könnte. Das Gelächter war groß, und doch blieb gerade bei Frauen in meiner Umgebung das Gefühl eines tätlichen Übergriffes. Lukas hat zu diesem Zeitpunkt schon ’nein‘ gesagt. Erst ein kräftiger Schubs und ein weiteres ‚Nein‘ befördern den Jungen aus Lukas‘ Bett. Das Abstreifen von transphoben Vorurteilen wurde goutiert, der körperliche Übergriff belacht.

Zum Macho gesellst sich relativ am Ende das Stereotyp der Blondine, die Fabio als seine „Streuprinzessin“ zur Billardbar schleppt. Seine tumbe Nachbarin plappert über Beziehung und Männer vor sich hin, um einen komischen Effekt zu den sehnsüchtigen Blicken zwischen Lukas und Fabio zu bieten. Als sich Ine nonchalant als Lesbe bezeichnet, könnte das Interesse der Nachbarin gar nicht größer sein. Die kleine Brechung dieser typischen Konstellation von zwei ‚Heteropaaren‘ liegt darin, dass Ine die ‚Konkurrentin‘ abschleppt, damit Lukas Fabio mitnehmen kann.

Die Zusammenführung der Geschlechter findet in einer Szene in einer gay bar statt, die auch in slow motion eine Erkenntnis in Lukas anzeigt. Nach dem Streit mit Ine über deren Liebesnöte und nach transphoben Sprüchen von Fabio lauscht Lukas dem wunderschön melodramatischen Alt der Dragqueen Cassy Carrington, gespielt von Ralf Rotterdam. In dieser kleinen Szene verwischen die Grenzen der Geschlechter und das Unbehagen verschwindet. Der Weg zum Ziel der Sehnsüchte, die (Selbst-) Aufnahme des Helden, liegt bei einer Liebesgeschichte in den Armen des Partners und in einer queeren Coming-of-Age-Erzählung in einem Körper, mit dem wir bewusst und behaglich spielen können.

Kinostart: 8. Dezember 2011

BERLIN – Do., 15.12. bis Mi., 21.12. – Xenon Kino und Sputnik Kino

Nachtrag: bedenkenswerter Post auf Teile des Ganzen Derailing „Romeos“?  zur Einseitigkeit der Diskussion nach der FSK-Beschränkung auf die Themen ’schwul-lesbisch‘

Seite des Verleihs Pro-Fun Media
Veröffentlicht unter Bewegungen in der Literatur, Feminismus nicht nach dem Komma, Was geht dich meine Sexualität an? | Verschlagwortet mit , , , | 8 Kommentare

Vorsicht: Das kann Ihre Tochter schwul machen!

Das hätte sich der FSK wohl auch nicht träumen lassen. Kaum bemüht sich dieses Gremien zum Schutz unserer Kinder vor unerwünschten Einflüssen und setzt die Altersbeschränkung für die Teenagerliebesgeschichte Romeos … anders als du denkst von 12 auf 16 Jahre hoch, vibriert das Internet. Nun könnten sich die besorgten Erwachsenen bestätigt sehen, dass der von ihnen herbeifabulierte Einfluss real ist und am Ende die pathologisch gefürchtete ‚Homolobby‘ dahintersteckt, um unsere Kinder in einem beeinflussbaren Alter zu Sodom und Gomorrha, also zu Nicht-Heterosexualität, zu verführen. Und das 2011! Denn immerhin sind kleine Menschen wie Schallplatten, in die ‚Perversitäten‘ einprägt werden, und durch ein paar harmlose Bilder werfen Menschen auch alles über Bord, was sie von Erwachsenen an ‚Richtigem und Wahrem‘ gelernt haben.

Als erstes las ich bei Nadine von der Mädchenmannschaft über den Skandal. Die FSK schreibt zwar, dass sie das schwierige Thema sieht, aber Kinder unter 16 durch die positive Darstellung einer transidenten Liebe desorientiert werden. Auch die Fünf Filmfreunde sehen, dass eine „explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen“ (FSK) Toleranz oder Verständnis fördern könnte, aber die FSK fürchtet, dass „[d]er Film […] eine verzerrte Realität wider[spiegelt], die Kinder aufgrund keiner oder zu geringer Erfahrungen nicht erkennen können“. Dass Kinder cleverer sind, sich mit Dingen, die sie – von der FSK auch nur angenommen, nur möglicherweise – nicht kennen, auseinanderzusetzen, kommt diesen besorgten Erwachsenen gar nicht in den Sinn. Der Blog Bisexualität stellt dann auch fest, dass ganz andere Filme, die ja so viel näher an der Erlebniswelt von Kindern wie Twilight oder Harry Potter sind, auch eine FSK-Freigabe von 12 bekamen.

Dabei steht bei diesen Erwachsenen komplett außer Frage, dass nur die Nähe zu etwas Schwulem – und davor haben sie besonders Angst – einen (jungen) Menschen dazu verführt, sich etwas zuzuwenden, was die Gesellschaft noch immer verdammt oder wenigstens außerhalb der eigenen vier Wände nicht gern sieht. Die FSK hat recht in ihrer Sorge, wenn sie Jugendlichen vor der eigenen Homophobie schützen will. Denn wer in der Phase der „sexuellen Selbstfindung“ (FSK) durch die „völlig einseitige Darstellung von Homosexualität im Film“ zu einem positiven Selbstbild käme, würde sehr schnell in den gesellschaftlichen Realitäten ankommen. Die FSK warnt ganz passend besonders vor sich selbst.

Und dass die Umwelt uns einfach umdreht, hat doch schon ein Bürgermeister in Peru bewiesen. Der Schwermetallgehalt im Wasser wäre etwas, dass Menschen schwul machen würde. Ist der Bürgermeister also auch der Meinung, dass es etwas wie einen Schalter im Menschen gibt, dass er von einem Tag auf den anderen von anderen gehasst und verfolgt werden will? Um sich etwas zuzuwenden, was in Peru abgelehnt, in den USA zu einer erhöhten Suizidrate unter Jugendlichen führt, in vielen Ländern unter Todesstrafe steht? Genetisch kann es nicht sein, sonst würde das peruanische Wasser uns doch manipulieren. In Japan gibt es mythische Fabelwesen, Kappa, die Menschen ins Wasser ziehen, wenn sie diesem zu nahe kommen. Sie dringen durch den Anus in uns ein und stehlen unser 尻子玉 Shirikodama (Anusjuwel). Der Forscher und Autor Hiraga Gennai Kappa, eine Wasserfabelwesen(1726-1779) aus dem frühneuzeitlichen Japan schrieb in seinen Erzählungen Nenshigusa kôhen (Nenashigusa, 2. Teil, 1768), dass diese Wesen uns schwul machen, da einer von ihnen sich in einen Kabukischauspieler verliebte, ihn aber nicht mitnehmen konnte. Nun, da die radioaktive Verseuchung des Tokyoter Wassers ansteigt und diese Wesen die Flüsse und Gewässer Japans beschützen, kann der Bürgermeister in Peru seine angstvollen Erkenntnisse vielleicht bald auch an die Insel weitergeben.

Der Wahnsinn galoppiert, wenn es um die Hysterie Erwachsener geht, Kinder auf ’normal‘ zu trimmen. Die FSK hat wieder einmal bewiesen, dass Nicht-Heterosexualität im besten Fall die tolerierte Ausnahme ist. Sie befindet sich in guter schlechter Gesellschaft, wie auch einige homophobe/ transphobe Kommentare auf den Blogs gruselig zeigen. Von einer herbeiphantasierten Normalität wird dort geschwafelt, und das alles im Namen unserer Kinder, die geschützt werden müssen. Wovor genau, wenn sie doch nur sich selbst kennenlernen und anderen Respekt zeigen können, ist meine Frage. Und dass Menschen, auch weibliche, von einem Film oder Trinken von Wasser schwul geworden wären – denn etwas anderes scheint in den fiebrigen Gehirnen der geängstigten Erwachsenen nicht zu existieren -, möchte ich bezweifeln. Und wenn dem doch so wäre; wer hätte einen Schaden davongetragen?

Zum Film (Spoilers ahead): Unbehagen der Geschlechter: Spiel der Stereotype in „Romeos“

geänderte Begründung der FSK ohne Änderung der Altersempfehlung

Nachtrag: Am 28.12.2011 setzte die FSK die Altersempfehlung auf 12 herunter.

Erklärung der Regisseurin, Sabine Bernardi
laufmoos vom 6. Dezember 2011: FSK 16
Kweens, Lesbian Ranting – Popkultur aus Lesbisch vom 5. Dezember 2011: Sommer, Party, Gender Trouble in “Romeos”
taz vom 5. Dezember 2011: Dieser Film macht schwul
Du&Ich: „Romeos” zu explizit? Umstrittene FSK-Altersfreigabe ab 16
queer.de vom 2. Dezember 2011: „Romeos“ erzählt von kleinen Unterschieden
Presseerklärung vom LSVD vom 1. Dezember 2011: Homophobe Begründung der FSK
ausführliches Interview mit der Regisseurin in der Printausgabe (Dezember) der Siegessäule: Auszug
Veröffentlicht unter Feminismus nicht nach dem Komma, Rechtschaffene Intoleranz, Unglaubliches | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 3 Kommentare

Buffy, übernehmen Sie!

In ihrem Artikel schreibt Jenni Zykla in der taz vom 23.11.2011, dass Vampire nur dann funktionieren, wenn ihre Geschichten auch ohne magische Elemente erzählt werden könnten. Und genau das ist das Problem und Faszinosum des Booms von Vampirgeschichten der letzten Jahre in Buch und Film. Twilight (Stephenie Myers) ist eine Teenieschmonzette, die Jungmädchenträume in der ältesten Form von Ritter und gemarterter Prinzessin erzählt, während Vampire Diaries (Lisa Jane Smith) ein Highschooldrama nur ohne den Campfaktor von Glee ist. True Blood zeigt uns in den Büchern der Sookie-Stackhouse-Serie (Charlaine Harris) ein Jungfer, die sich in böse Buben verliebt, als Serie ist es wenigstens ästhetisch durch viel Sex und Gewalt ansprechend. Nur unsere Lieblingsvampirjägerin scheint dabei den Verstand behalten zu haben, um diesem Boom einen Pflock in Herz und Hirn zu jagen.

Diese Bücher und Romane erzählen Geschichten, die ohne die übersinnliche und übermenschliche Beigabe von Vampiren, Werwölfen, Formwandlern die langweiligsten wären, und ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, dass sich das derzeitige Fanpublikum das nicht mehr ansehen würde. Denn der Plot ist vergleichsweise dünn. Sie sind dem gothic des 19. Jahrhunderts insofern ähnlich, dass auch sie psychische Zustände des Menschen externalisieren und in das Unheimliche, Unbekannte verlagern. Edmund Burke schrieb in seinem Aufsatz über das Erhabene A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful (1757), dass es von uns nicht erfasst werden kann. Seine Macht über uns zieht es aus unserem Unwissen über seine Quelle und seine Wirkungsmechanismen. Somit bestimmt es unsere Leidenschaften und unsere Sehnsüchte. Wir geben uns ihm hin, weil es uns gegen unsere ratio handeln lässt. Doch 200 Jahre wissenschaftlich-medizinischen und soziokulturellen Fortschritts haben Wesen wie Vampire zu etwas Irdischem gemacht. Wissen über Verwesungsprozesse, Genetik, Körperfunktionen haben sie zu einer Unmöglichkeit werden lassen. Sie sind selbst für unsere Imagination ungefährlich geworden. Trotzdem wollen wir uns gruseln. Deswegen sind diese blutleeren Figuren zu dem geworden, vor dem wir uns nicht guten Gewissen fürchten können, wenn nicht an unserem Verstand gezweifelt werden soll.

Die Romane um die Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert spielten ganz bewusst mit den Angstzuständen der Lesenden. Nicht umsonst warnten Hüter der Moral und Erzieher vor den Einflüssen des Romans, der im 18. Jahrhundert als Freizeitbeschäftigung und als Einkommensquelle von Frauen im Bürgertum beliebt wurde, vor seinem schädlichen Einfluss auf die weiche Natur des schwachen Geschlechts. Und in den gothic novels konnten sich Frauen entführen lassen von Bösewichten, ohne gesellschaftliche Konsequenzen fürchten zu müssen. Jane Austen karikierte die Leichtgläubigkeit und Empfindsamkeit von Frauen in Northanger Abbey (1817), in welchem die leicht entflammbare 17-jährige Catherine Morland erkennen muss, dass jedes übernatürliche Phänomen nur in ihrem Kopf entsteht und alles eine logische, rational wissenschaftliche Erklärung hat.

Auch Bram Stokers Dracula als Nachfolger solcher Erzählungen wie Dr. John Polidoris The Vampyre (1816) aus dem Jahre 1897 ist eine verklemmte Darstellung viktorianischer Sehnsüchte nach der Fremde als Ort und als Person. Der Graf wird nur durch die Erzählung der sich für rational haltenden Männer repräsentiert. Prof. Abraham von Helsing stellt ihn immer wieder als Kind dar, dessen Bösartigkeit beginnt zu erwachen, weswegen der Blutsauger so schnell wie möglich getötet werden muss. Sein Einfluss auf die Frauen ist das Gefährliche, denn je mehr sich Minas Freundin den Rufen des Grafen hingibt, desto hysterischer werden die Warnungen van Helsings, dass auch die Verlobte des jungen Haupthelden Jonathan Harker unter diesen Bahn geraten könnte. Nicht von ungefähr stellte Anthony Hopkins den Prof. in der Coppola-Verfilmung von 1992 als nicht ganz zurechnungsfähig dar. Während der gesamten Lektüre des Buches fragte ich mich, worin nun real die Gefahr durch den Grafen bestehen sollte. In der verklemmten Reaktion der guten (christlichen) Viktorianer liegt das Neue und Spannende des Romans. Die Hysterie der Männer, etwas ihnen Unbekanntem zu verfallen, hat etwas ungemein Erheiterndes.

Darin bestehen auch die Probleme des modernen Vampirbooms. Während Anne Rice die Vampire ihr Leben in The Vampire Chronicles (1976 bis 2003) selbst kommentieren ließ und sie aus der eingeschränkten Sexualität entließ, geben die Erzählungen der letzten Jahre vor allem von Frauen dem Genre nichts Neues hinzu. Harris schreibt in ihren Büchern den Untoten zwar Emanzipationswünsche auf den bleichen Leib, die Produzent Alan Ball in der beliebten Serie True Blood herausstreicht und denen er mit viel Lust an schönen Körpern und Dreck visuellen Ausdruck verleiht. Jedoch ist der Weg aus dem Sarg („coffin“) wie aus dem Wandschrank („closet“) ausgesprochen problematisch, da im Gegensatz zu LGBTQ-Menschen Vampire eine ‚reale Gefahr‘ für Menschenleben darstellen, wie Anita Sarkeesian von femfrequency richtig in ihrem vlog feststellte. Paulina Palmer schreibt in Lesbian Gothic: Transgressive Fictions (1999) über genau das Potential, deviante Sexualitäten zu verhandeln und dabei neue erzählerische Wege zu gehen. Eigentlich ist der Vergleich mit Bürgerrechtsbewegungen beleidigend, wenn auch ein strategisch guter Schachzug. Die Vampirin Carmilla (1872) des Iren Sheridan LeFanu war noch lesbisch, weil es für ein viktorianisches Publikum anrüchig und gefährlich war. Heute geht es aber um unsere eigenen Bedürfnisse, über die Frauen schreiben sollten.

Da wären wir aber wieder bei der Sexualisierung von Unsterblichkeit. Zu der Vorstellung von Enthaltsamkeit vor der Ehe gehört die Anheizung von erotischen Phantasien von Entführung, Überwältigung und Vergewaltigung, die wir schon aus dem gothic kennen. Der Twilight-Reihe wird die reaktionäre Unterdrückung von Verlangen vorgeworfen. Gerade der jetzt angelaufene Teil Breaking Dawn stellt eine gewalttätige Ehe vor, in der Sex nur über Gewalt zu haben ist. Nun sollen sich die Menschen, die sich mit den Ausflüchten des prügelnden Ehemannes Edward zufrieden geben wollen und das für romantisch halten, einmal fragen, was sie raten würden, wenn sie es solche Beziehungen in ihrer Umgebung gäbe oder sogar ihnen selbst Gewalt angetan würde. Im Gegensatz zu den Geschichten des 19. Jahrhunderts, deren Moral eine Verbrüderung mit Vampiren nicht zugelassen hätte, lassen wir diese Un-Wesen heute in unser Haus, jedoch aus anderen Gründen. Wir wollen Geschichten hören über diese auf dem Blut von lebenden Wesen basierende Unsterblichkeit lesen, die aber so nett daher kommen soll, als stammten sie aus Frauenzeitschriften. Nur würden wir dort jedem Menschen raten, sich von solchen Männern und Frauen fernzuhalten. Bei Vampiren lieben wir Geschichten von häuslicher Gewalt, nächtlichen Überfällen und Mord. Wir wollen uns gruseln, denn ein Vampir wird uns wohl in der Realität nicht in unserer Wohnung auflauern, dann schon eher unser Partner. Das hat sich in den 200 Jahren kaum geändert.

Darum sind gerade die neuen Vampirerzählungen so unglaublich langweilig; denn anstatt den Sehnsüchten nach S&M nachzugehen, werden heteronormative Machtspiele als romantisch und sogar ’normal‘ verbrämt, weil es sich ja bei den Männern um Wesen handelt, die außerhalb der menschlichen Gesellschaft und ihrer Normen stehen. Wenn Myers den Sehnsüchten ihrer Leserinnen ehrlich gegenüber gewesen wäre, hätte sie sich über die Regeln von BDSM informiert. Aber so sind sie und ihre Fans auf der sicheren Seite, aus ihrer alltäglichen Normalität für ein paar Stunden in Dunkelheit in die allumfassenden Trivialität von feuchten Jungmädchenträumen bei halbnackten Männerkörpern fliehen zu dürfen. Nur leider fehlt in dieser Obsession an schlechtem Geschmack das Befreiende der Theatralik und der Sichtbarmachung von Kitsch. Oder wie Susan Sontag zu diesem Stil in ihren „Notes on Camp“ von 1964 sagte: the „love of the unnatural: of artifice and exaggeration“.

Nachtrag: Zu Ghost and Horror Fiction mit LGBT-Personal im Englischen

Youtube: Twilight in a Nutshell
What Would Buffy Do? Notes on Dusting Edward Cullen Jonathan McIntosh erklärt seine Motivation zum Video (siehe oben) bei bitchmedia
The Lady Garden spricht sich gegen die m.E. von ihr falsch verstandene (feministische) Kritik am dargestellten Sex aus: Twilight critics and sex-shaming
feministe (besonders einige der Kommentare sind gut): The best thing you will read today about Breaking Dawn
AlterNet: The Bloody, Twisted, Inverted World of Twilight: Violent Vampire Sex, Demon-Babies and Overwhelming Female Desire
Beziehungen in Twilight: Using Twilight to Educate About Abusive Relationships
Eskapismus: Ein bisschen Sehnsucht
Spiegel sieht Ironie (ausgerechnet!) in Twilight-Verfilmung: Endlich Sex, endlich Action
Veröffentlicht unter Adaptionen, Literatur in der Praxis, Unglaubliches | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

WTF? Frauensolidarität!

Kaum war der Parteitag in Erfurt vorbei, wurden Frauen, die es gewagt hatten, eine andere Meinung zu haben, als unsolidarisch gescholten. So etwas las ich natürlich bei Facebook und Twitter, denn die direkte Konfrontation ermüdet und würde Erstaunliches zu Tage fördern. Ich kann verstehen, dass der Frust tief saß. Denn ich bin stur und werde mich einem solchen patriarchalen Gebaren nicht fügen. Ich werde mich dieser falschen und falsch verstandenen Solidarität verweigern, denn sie ruft nach mir immer dann, wenn sie mich als politisch denkendes und fühlendes Subjekt ignoriert. Und ich werde es jederzeit wieder tun.

Und doch wurde und werde ich als unsolidarisch gescholten, weil ich als Frau andere nicht unterstützte, im patriarchalen Parteiensystem eine Frauenstruktur festzuklopfen. Seit über zwei Jahren haben Menschen, vor allem des weiblichen Geschlechts, in der Linkspartei über die Frage diskutiert, wie Frauen sich organisieren wollen, können und wozu sie das eigentlich tun sollten. Dies war und ist wichtig, um Interessen von Frauen in einem System durchzusetzen, in dem die Quote ausgehöhlt und durch Wahlgewinne Posten so attraktiv geworden sind, dass gerade Männer um ihre Pfründe fürchten müssen, wenn Frauen über Strukturen ihre Inkompetenz in Frage stellen. Solange Männer gewählt und Frauen quotiert werden, brauchen wir nicht über Inhalte zu diskutieren. So weit, so bekannt.

Während sich Männer nie dafür rechtfertigen müssen, Meinungen zu haben, dürfen Frauen erklären, warum sie nicht mit einer Stimme sprechen. Wo kämen wir denn hin, wenn Menschsein nicht auf dem Y-Chromosomen festgelegt wäre? So kam es, dass nach langer Diskussion vor zwei Jahren der Ruf nach einer Frauenorganisation auf Bundesebene immer lauter wurde. Denn es gäbe keine, die in Frauenfragen Ansprechpartnerin wäre. Dass dies die jahrelange Arbeit der feministischen Bundesfrauenarbeitsgemeinschaft LISA abwertete, ist bekannt, aber kaum von Bedeutung. Und so wurde Anfang dieses Jahres ein Vorschlag zur Satzungsänderung vorgelegt, um eine Frauenstruktur zu installieren. Seitdem habe ich gegen dieses organisatorische Monstrum argumentiert, weil ich nicht sehe, wie ein Bundesfrauenrat nach dem Vorbild der Grünen Frauen in ihrer politischen Willensbildung und Arbeit unterstützen soll. Aber genau das war das erklärte Ziel. Dafür sollte ein Gremium mit Geschäftsordnung und Personenanzahl in die Satzung gestimmt werden, als ob damit die inhaltliche Zusammenarbeit von Frauen schon erledigt werden könnte. Außerdem würden dadurch alle Frauen einmal unter einem Dach vereint werden, das würde Flügelkämpfe unterbinden und endlich die Feminismen von queer bis marxistisch unter einer kompetenten Anleitung zusammenführen. Etwas, was den Frauen angeblich autonom und selbstbestimmt bisher nicht gelungen ist, soll eine Struktur nun erschaffen. Dabei war gerade die Ablehnung einer solchen besonders einmütig unter den unterschiedlichsten Feministinnen.

Natürlich diskutierten wir anfangs noch miteinander. Es wurde vor zwei Jahren noch von einem Verband gesprochen, der alle Frauen umfassen sollte. Doch schon damals wurde schnell klar, dass zwischen dieser Idee und einer Möglichkeiten der Selbstermächtigung einer jeden Frau, sich zu Themen zu finden und autonom Strukturen für ihre Inhalte zu bestimmen, eine große Kluft bestand. Und über diese führt nun einmal keine Brücke. Nun hätten wir sagen können we agree to disagree, um dann zu unseren Gemeinsamkeiten zu kommen. Die Befürworterinnen erst dieser Verbandsidee und dann später des zusammendelegierten Bundesfrauenrates ließen sich von den Kritikerinnen aber nicht beirren und wollten ihre, in einen Antrag geronnene Idee durch die Gremien der Partei stimmen lassen. Denn ihre Sicht auf die Sachlage war richtig: auf der Basis so unterschiedlicher Vorstellungen, die wiederum auf verschiedenen Feminismen und damit auf Verständnissen von patriarchalen Strukturen basierten, war ihrerseits kein Konsens zu finden. Ich verstehe es menschlich, dass dann eine Diskussion überflüssig wird.

Doch mein Verständnis ist nur von kurzer Dauer und führt nun schon gar nicht zur Solidarität. Wenn meine Kritik nicht nur ignoriert wird, sondern auch aktiv übergangen, bin ich nicht zur Zusammenarbeit bereit. Meine Kritik war – wie die vieler anderer Frauen – eine grundsätzliche an dem gesamten Konstrukt. Dass dann der eine oder andere Satz geändert und uns das als Kompromiss verkauft werden sollte, obwohl unsere Kritik niemals eingeflossen war, war der Gipfel. Denn in der Dialektik folgt die Synthese nicht, dass ich der konträren Hypothesen als Grundlage nehme und daran ein wenig herumbastle, während ich alles andere ignoriere. Ich erkenne nur zwei Meinungen an: Meine und deine falsche, und daraus ergibt sich, dass wir meine nehmen.

Die Kritik an meinem unsolidarischen Verhalten rührt vor allem daher, dass das Frauenplenum in Magdeburg Anfang Oktober sich mehrheitlich für den Satzungsänderungsantrag aussprach. Auch an dieser Stelle meldeten sich Kritikerinnen zu Wort, die sich wie ich noch immer nicht hatten überzeugen lassen wollen. Und es war viel versucht worden, uns zu bewegen, vor allem, indem wir konsequent umgangen wurden. Schließlich war – wie gesagt – eine Diskussion mit mir sowieso sinnlos, solange ich ihre Basis nicht akzeptierte. Auch Frauen aus Landesverbänden haben geschrieben, dass sie dagegen sind. Wie die Mehrzeitverhältnisse wirklich sind, ist schwer zu sagen, doch das ist fast irrelevant. Der Antrag wurde vom Parteitag zwar mehrheitlich angenommen, verfehlte aber das nötige Quorum. Die Kritik an uns ist nun, dass wir anstatt uns mit dem Frauenplenum solidarisch zu erklären, auf dem Parteitag – einem gemischten Gremium – als Frauen gegen den Antrag sprachen. Als hätten wir uns nicht zu Wort melden dürfen. Ich werde immer unsolidarisch mit Frauen sein, die meine politische Meinung nicht anerkennen und sogar gegen diese handeln. Ich lasse mich nicht auf diese Mitgefangenenargumentation ein. Ja, ich fordere Solidarität von und für Frauen ein, aber nicht um über sie und ihre Meinungen Macht auszuüben. Ich würde sonst Strukturen übernehmen, die ich eigentlich durchbrechen wollte. Das wäre patriarchale Herrschaftsausübung, und da mache ich nicht mit!

Veröffentlicht unter Beschissenes aus Bielefeld, Feminismus nicht nach dem Komma, Unglaubliches | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Eine exklusive Dame: Gutkuratierte Kuriositätenkabinette in Berlins Museen

Ich könnte eine glückliche Alte werden, die sich durch ihr Leben meckert. Nur gefalle ich mir in dieser Rolle nicht wirklich, denn mir fehlt das Geschlecht eines Adorno oder Reich-Ranicki, um ein guter arroganter Kunstkritiker zu sein. Meines diktiert mir die Unsicherheit, nicht harsch über andere urteilen zu wollen. Und doch kann ich mir eine ästhetisch-politische Herablassung nicht verkneifen.

Meiner Wut auf die staatlichen Museen in Berlin machte ich das erste Mal 2004 in der Sonderausstellung Poesie des Augenblicks. Meisterwerke der französischen Genremalerei im Zeitalter von Watteau, Chardin und Fragonard Luft. Das Alte Museum stellte wunderbare Bilder des Barock und Rokoko aus, und schon damals ärgerten mich die Beschreibungen. Mir ist bewusst, dass Museen damit arbeiten müssen, was sie erwerben können. Und in Zeiten gekürzter Zuschüsse wird die Ausleihe und Beschaffung nur noch schwieriger. Auch bin ich mir nicht sicher, wie viel überhaupt noch für gute KuratorInnen gezahlt wird und ob sie nicht eher betriebswirtschaftlich als kunsthistorisch denken müssen. Auffällig finde ich nur, dass in den Jahren die Konzeptionslosigkeit besonders der Sonderausstellungen zugenommen hat. Dass eine Ausstellung mit dem Namen Berlin-Tokyo/Tokyo-Berlin. Die Kunst zweier Städte in der Neuen Nationalgalerie (2006) alles zusammen sammelt, was sich auch nur irgendwie unter diesem Titel stellen lässt, leuchtet mir noch ein. Und doch war in dem Glaskasten am Potsdamer Platz aufgestellt, was im Titel die Städte hatte oder in welchem irgendein Bezug zu den Hauptstädten gesehen wurde. Die in diesem Jahr sich feiernde 150-jährige schwierige gemeinsame Geschichte ließ sich dadurch weder verdeutlichen noch ansatzweise berühren. Trotzdem wurden einige künstlerische Befruchtungstendenzen, besonders durch das Bauhaus und die Flüchtlinge nach 1933 in Richtung Japan, und koloniale Übernahmen durch den Japanismus Anfang des 20. Jh. nach Deutschland aufgezeigt.

Schwieriger wurde es mit solchen Themen wie Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst in der Neuen Nationalgalerie 2006. Eine Philosophie – und Geistesgeschichte dieses Begriffes, dessen Ausläufer von der Antike bis in die Psychiatrie der Gegenwart reichen, anhand von Bildern zu erklären, musste schon aufgrund der Fülle der Ideen scheitern. Saturn und Melancholie: Studien der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und Kunst (engl. 1964, dt. 1990) des Philosophen Raymond Klibansky, der Kunsthistoriker Erwin Panofsky und Fritz Saxl versuchte sich an einer Annäherung und blieb selbst als Standardwerk stellenweise verwirrend und ungenau. Denn die Melancholie ist als Teil der Kunst, Kultur, Literatur und Medizin nun einmal schwer zu fassen. Ich hielt es der Ausstellung zugute, dass sie es versuchte, und doch wurden die Beschreibungen immer verwirrender. Gerade in der Medizin ist die Trennung von Genie und Wahnsinn einfach eher eine politisch-menschliche Frage als eine ästhetische.

Erklärungen und Einführungen gehören nun einmal zu jeder Ausstellung dazu, auch wenn sich die Museen eigentlich eingestehen könnten, dass sie entweder kein griffiges Konzept haben oder ihnen das Thema über den Kopf gewachsen ist. Ersteres schien mir bei der diesjährigen Hokusai-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau der Fall zu sein. Eine chronologische und damit künstlerisch-biografische Herangehensweise scheint mir bei nur einem Künstler eine kluge Wahl. So lassen sich Veränderungen und Entwicklungen im Werk aufzeigen. Dies anhand von Namensänderungen und Werkstattwechseln des Malers Hokusai (1760-1849) zu tun, ist eingedenk des Kunstbetriebes von Lehrer- und Schülerverhältnissen Anfang des 19. Jh. in Japan ebenso eine gute Strategie. Dies jedoch gleich im ersten Raum zu beginnen, ohne eine kulturelle und politische Einführung in die Epoche, in das Leben des Künstlers und damit in seine Bedeutung für die Malerei Japans und die Modernisierung, die mit der Meiji-Zeit ab 1868 einsetzen sollte, lässt die Texte überflüssig erscheinen. Auch wenn in der Vernissage die Verbindung Hokusais zur japanischen und europäischen Moderne und damit seine Bedeutung für die 150-jährige Beziehung betont wurde, fand ich das in der Ausstellung nicht wieder. An dieser Stelle verweise ich auf einen Text zur schwierigen Geschichte, die gerade im Gropius-Bau zu einer künstlerischen Freundschaft hochstilisiert wurde: Hokusai: Maler einer schwierigen Liebe (Das Blättchen, 19. September 2011).

Ebenso ist die Ausstellung Gesichter der Renaissance im Bodemuseum zu empfehlen. Auch für sie gilt, dass wir ihre Bilder in dieser Zusammenstellung wohl nie wieder zu sehen bekommen werden. Sie ist schon aus diesem Grunde unbedingt eine Reise wert, wenn denn noch Karten zu bekommen wären. Wie bei Hokusai versuchten mir Texte, die mir die Porträtmalerei Italiens des 15. und 16. Jahrhunderts näherbringen sollten, Augenrollen. Wenn schon die Begleittexte nicht sonderlich informativ waren, war der Audioguide, ohne den die Bilder leider ’nur‘ wunderschön gewesen wären, eine prosaische Katastrophe. Während mir eine sanfte weibliche Stimme im ersten Raum noch versuchte, Zusammenhänge zwischen antiken Büsten und mittelalterlichen Stifterbildern in der Entwicklung der Porträtmalerei darzulegen, wurden einige Bildbeschreibungen nur noch albern. Es liegt in der Natur der Sache, dass Audioguides mit blumigen Adjektiven mehr wie gesprochene Verkaufskataloge als kunsthistorische Begleitmaterialien klingen. Und doch musste ich spätestens bei da Vincis Dame mit Hermelin lachen, bei der es um deren Blick und damit liebender Unterwerfung unter ihren um Jahre älteren Geliebten ging, den sie angeblich ansehen würde. Natürlich arbeitete das Museum nach dem Prinzip save the best for last, und im letzten Raum würde die Wegnahme des Bildes am 1. November nicht so schmerzlich auffallen. Jedoch inwiefern die Dame eine Entwicklungsstufe in der Porträtmalerei darstellte, wurde mir nicht erklärt. Dass nach der mittelalterlichen anfangs die Profile vorherrschten, die um die Jahrhundertwende vom 15. ins 16. Jahrhundert gerade bei den mächtigen Männern in Florenz und Venedig zu Dreiviertelansichten wechselten, während Frauen noch lange dem Blick der Betrachtenden auszuweichen hatten, wird nicht erklärt. Was der deutsche Eckraum, der wirkt, als wäre noch Platz zu füllen gewesen, in dieser Ausstellung zu suchen hat, ist mir ebenso schleierhaft geblieben.

So werden Sonderausstellungen in den staatlichen Museen Berlins zu Veranstaltungen für ein Bildungsbürgertum, das die Zeit und das Geld hat, sich ihnen zu widmen. Ohne den Katalog zur Nachbereitung sind die Eindrücke zu gewaltig, um die Bilder wirklich einordnen zu können. Mir geht es dabei nicht um eine Bevormundung meiner Seherfahrung, jedoch verlange ich eine konzeptionelle und – nennen wir es ruhig – didaktische Einführung in das Italien dieser Zeit, um die Bilder nicht nur schön zu finden. Oder ist das unsere Ästhetik geworden? Es wäre ein Bildkonsum, der keiner sozio-kulturelle Einordnung mehr bedarf. Dann fehlen mir nur noch die Preise an den Kunstwerken. Vielleicht sollte ich doch Adorno lesen. Und Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter
seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935). Kann ich mir meinen Kunstgenuss auch noch anders verderben?

Veröffentlicht unter Adaptionen, Wunder & deren Menschen | Verschlagwortet mit , , , , , , | 2 Kommentare