Unbehagen der Geschlechter: Spiel der Stereotype in „Romeos“

(Achtung: Spoilers) Transidentitäten verursachen doch ein „Unbehagen der Geschlechter“ (Butler). Das war in der Kritik an der FSK  (Teil 1 der Diskussion hier) zu lesen, aber auch in der Berliner Premiere im Kino International zum MonGay (5. Dezember) zu spüren. Transgender ist strukturell die Hinwendung zu einem Geschlecht und die Ablehnung von einem anderen in einer Person. Und das erzählt der Film Romeos in einer Liebesgeschichte und Entdeckungsreise. Wie in einer Coming-of-Age-Erzählung üblich wird gegen Widerstände gekämpft und der eigene von Vorstellungen verstellte Blick geschärft und geändert. Am klassischen Ende kommt der Held in der Gesellschaft an, die ihn erst ablehnte, um ihn dann verändert zu akzeptieren. Dass dafür nicht nur Stereotype benutzt und gebrochen wurden, sondern auch struktureller Sexismus vorkommen musste, bereitete mir Unbehagen.

Die Regisseurin, Sabine Bernardi, sagte in der Printausgabe der Siegessäule (Dezember), dass ihr Film mit Stereotypen spielt. Sie bezieht sich damit vor allem auf den Machotyp Fabio:

Und ich fand es reizvoll, dass sich bei jeder Figur diese erste Rolle mit der Zeit auflöst. Ich wollte gern, dass man an vielen Stellen auch über die Rollenverständnisse nach und nach umgekrempelt werden. Das sollte eine leichte Ironie haben, aber trotzdem auch Emotionalität.

Ich würde Nadin vom Blog Kweens zustimmen, dass genau die Stereoytpe wie der Macho Fabio, die Lipstick-Lesbian und beste Freundin Ine sowie die um Verständnis bemühte heterosexuelle Umgebung auf die Fassadenhaftigkeit von Normalität weisen. Gerade die Transphobie der (Kölner) queeren Szene, deren Unbehagen mit Körpern, die sich nicht eindeutig einordnen lassen, wird mit Nachsicht und feiner Ironie gezeichnet. Dieses Unbehagen in Film und im Publikum macht sich an diesem Körper fest, der sich (noch) nicht eindeutig zuordnen lässt. Das macht den Charme des Filmes im Spiel mit Stereotypen und Vorannahmen aus. Und das war auch an den Reaktionen im International zu spüren. Sehr schnell wird der Macho Fabio für den Protagonisten, der nach seinem Outing für seinen Zivildienst nach Köln kommt, zum Objekt der Sehnsucht. Als pre-op FtM Transsexueller wird Lukas in das Schwesternwohnheim geschickt. Auf Parties, am See im heißen städtischen Sommer versteckt er seinen Körper unter T-Shirts und Jacken. Die Verwaltung seines Wohnheimes stellt dabei ebenso neugierige und übergriffige Fragen wie Fabio, nachdem er glaubt zu wissen, mit wem er es zu tun hat.

Mein Unbehagen rührt von der Thematisierung des weiblichen Körpers als etwas Abzulehnendes. Die Erzählung einer Geschlechtsanpassung ist strukturell die einer Ablehnung und Überwindung von etwas Unerwünschtem hin zu etwas Erträumten. Dementsprechend fährt der Blick der Kamera über nackte Männerbrüste und konstruiert biologische Geschlechter. Ine kommentiert kurz nach Lukas‘ Ankunft im Schwesternwohnheim seinen Achselhaarwuchs, später seine veränderten dickeren Augenbrauen und seinen Schweißgeruch. Der Blick auf den Bartwuchs zeichnet eine biologische Männlichkeit. Geschlecht wird am Ende als biologisch festgelegt erzählt, und es gibt keine Figur, die das brechen würde. Gerade die Abwesenheit anderer queerer Identitäten, die eben nicht der heteronormativen Dichotomie entsprechen, ließ mich manchmal seufzen.

Mir ist bewusst, dass es sich bei Romeos um eine junge Liebesgeschichte und Selbstfindung handelt, die das Unbehagen mit kathartischen Lachen abfedern möchte. Und dafür mag ich diesen Film. Doch den Sexismus als comic relief fand ich unangebracht. Wenn Lukas Ines nackten Brüste am See berührt, um freudig zu verkünden, dass diese bald bei ihm weg sein werden, ist das aus seiner Perspektive zu verstehen. Doch die Abwertung des weiblichen Körpers wird nicht gekontert. Die Party-Lesbe Ine kann es nicht, da sie als beste Freundin der Sidekick ist, die ihn in die Szene einführen darf.  (Ich war kurz versucht, den Bechdel-Test bei ihr anzuwenden). Ihre Liebesnöte kontrastieren mit den seinen und sind die dramatischen Momente, in denen er seine beste Freundin zu verlieren droht und sich entscheiden muss, wieviel ihm sein altes Leben bedeutet. Nach einem kurzen Streit, in welchem sie ihm vorwirft, er würde sich nur noch mit „Transsachen“ und damit mit sich selbst beschäftigen, liegen sie später in ihrem Bett, und sie umarmt ihn. Die alten Bilder ihrer Freundschaft kommentiert er mit der Ablehnung seiner „dicken Schenkel“ als Miriam.

Das Überkommen von Transphobie wurde im Kino am Montag beklatscht, doch auch hier machte sich Unbehagen breit. Im Alkoholrausch landet Lukas im eigenen Bett mit Kumpel Sven, der ebenso verlassen wurde. Beide wollen sich miteinander ablenken. Lukas versucht, sich seines Körpers zu erwehren, bevor er sich als pre-op outet. Ein kurze Verwirrung folgt, dann greift der Partner kräftig nach Lukas‘ Brüsten und meint, dass es eben einmal vorne reingehen könnte. Das Gelächter war groß, und doch blieb gerade bei Frauen in meiner Umgebung das Gefühl eines tätlichen Übergriffes. Lukas hat zu diesem Zeitpunkt schon ’nein‘ gesagt. Erst ein kräftiger Schubs und ein weiteres ‚Nein‘ befördern den Jungen aus Lukas‘ Bett. Das Abstreifen von transphoben Vorurteilen wurde goutiert, der körperliche Übergriff belacht.

Zum Macho gesellst sich relativ am Ende das Stereotyp der Blondine, die Fabio als seine „Streuprinzessin“ zur Billardbar schleppt. Seine tumbe Nachbarin plappert über Beziehung und Männer vor sich hin, um einen komischen Effekt zu den sehnsüchtigen Blicken zwischen Lukas und Fabio zu bieten. Als sich Ine nonchalant als Lesbe bezeichnet, könnte das Interesse der Nachbarin gar nicht größer sein. Die kleine Brechung dieser typischen Konstellation von zwei ‚Heteropaaren‘ liegt darin, dass Ine die ‚Konkurrentin‘ abschleppt, damit Lukas Fabio mitnehmen kann.

Die Zusammenführung der Geschlechter findet in einer Szene in einer gay bar statt, die auch in slow motion eine Erkenntnis in Lukas anzeigt. Nach dem Streit mit Ine über deren Liebesnöte und nach transphoben Sprüchen von Fabio lauscht Lukas dem wunderschön melodramatischen Alt der Dragqueen Cassy Carrington, gespielt von Ralf Rotterdam. In dieser kleinen Szene verwischen die Grenzen der Geschlechter und das Unbehagen verschwindet. Der Weg zum Ziel der Sehnsüchte, die (Selbst-) Aufnahme des Helden, liegt bei einer Liebesgeschichte in den Armen des Partners und in einer queeren Coming-of-Age-Erzählung in einem Körper, mit dem wir bewusst und behaglich spielen können.

Kinostart: 8. Dezember 2011

BERLIN – Do., 15.12. bis Mi., 21.12. – Xenon Kino und Sputnik Kino

Nachtrag: bedenkenswerter Post auf Teile des Ganzen Derailing „Romeos“?  zur Einseitigkeit der Diskussion nach der FSK-Beschränkung auf die Themen ’schwul-lesbisch‘

Seite des Verleihs Pro-Fun Media
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8 Antworten zu Unbehagen der Geschlechter: Spiel der Stereotype in „Romeos“

  1. G.E. schreibt:

    Danke für den Bechdel-Test, den kannte ich noch nicht.
    Über eine spoiler-Warnung zum Filminhalt hätte ich mich gefreut. 🙂
    Insgesamt spannend zu lesen, ich glaube, ich muss den Film mal sehen und schauen ob ich ein ähnliches Unbehagen empfinde.

    LG
    G

    • Danke für den Hinweis. Eigentlich sollte der Text eine ‚wissenschaftliche‘ Betrachtung werden, aber auch das bedeutet im Internet etwas anderes, habe ich mittlerweile erkennen dürfen und müssen. Ich arbeite dran 😉

      Ich überlege noch, ob und inwieweit der Test überhaupt anwendbar ist. Und ja, der Film ist unbedingt sehenswert.

      • G.E. schreibt:

        Oh, die Wissenschaftlichkeit Deiner Betrachtungen wollte ich gar nicht in Abrede stellen, sondern war nur etwas überrascht den Film zu Ende erzählt zu bekommen.
        Vermutlich habe ich mich aber nur in letzter Zeit zu viel auf der Filmbesprechungs-Website von Roger Ebert rumgetrieben, der als exzelennter Filmkritiker Spoiler zu vermeiden weiß. Aber (gender)wissenschaftliche Analyse und allgemeine Filmkritik haben natürlich unterschiedliche Ziele. 🙂

        LG
        G.

      • So habe ich deinen Kommentar auch gar nicht verstanden, keine Sorge.
        Danke für den Tipp: ich lese gute Filmkritiken und verlinke solche Sachen sehr gern.

  2. G.E. schreibt:

    PS: Deine Blog-Software benutzt Sommerzeit oder London-Time oder sowas, 00:20 Uhr statt 01:20 Uhr. Zumindest in der Kommentarvorschau.

  3. G.E. schreibt:

    Auf die Gefahr hin Deine Kommentare vollzuspammen… 😉

    Ich hatte gestern im Zusammenhang mit dem Bechdel-Test mehrere interessante Artikel gelesen und heute beim Weiterschicken wollen nicht mehr wiedergefunden. Ich dachte, Du hättest den ersten verlinkt gehabt, aber ich finde den Link nicht mehr. Aber den Artikel habe ich wiedergefunden, und für den Fall dass er nicht bei Dir verlinkt war, kann ich ihn (für FilmfreundInnen) sehr empfehlen:
    „Why film schools teach screenwriters not to pass the Bechdel test“ – http://thehathorlegacy.com/why-film-schools-teach-screenwriters-not-to-pass-the-bechdel-test/
    Ebenfalls spannend fand ich den Follow-Up-Post, auch was die kapitalismuskritische Komponente angeht:
    Why discriminate if it doesn’t profit? – http://thehathorlegacy.com/why-discriminate-if-it-doesnt-profit/

    LG
    G.

    PS: Roger Ebert Filmkritiken auf http://rogerebert.suntimes.com/ <== Vorsicht, hohes Sucht- und Procrastination-Potential, enthält Filmkritiken zu Filmen der letzten Jahrzehnte

    • Vielen Dank für die Links, auch wenn sie ein wenig vom Thema wegführen. Das nenne ich dann einmal freundschaftliches ‚De-railing‘. Das kenne ich auch, weil es zum großen Teil in meinen Texten selbst passiert. Ich werde also nachsichtig sein 😉
      Kennst du übrigens Anita Sarkeesian von feminist frequency ? Über sie habe ich den Dykes-to-look-out-for Test kennengelernt. Ihre Serie zu tropes in popular culture ist legendär. Sie betrachtet (natürlich) nur US-amerikanische Produktionen, die Gedanken dazu sind jedoch sehr erhellend.

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