Die Einzelgängerin: Meine Jahre

Wir, die wir uns für wichtig halten und unsere Meinung der Welt mitteilen wollen, wagen einen Blick zurück und einen Blick in die Glaskugel. Mein Jahr 2011 begann, wie ich hoffe, dass 2012 enden wird: in Japan. Ich besuchte im Januar eine meiner Lieblingsstädte January 2011dieser Welt und dachte mir auf ein Neues, wie klein ich doch bin. Witzigerweise beruhigt mich dieser Gedanke immer wieder. Ich liebe Hiroshima, und ich hatte wieder viele Ideen, wie ich meine Eindrücke verarbeiten kann.

2011 war ein wichtiges Jahr, und nachdem ich 2009 als annus horribilis und 2010 kaum in Erinnerung habe, war das eine wunderbare Abwechslung. Ich verließ Japan am 24. Januar und bekam nach meiner Rückkehr nach Deutschland viele beunruhigte Mails, ob ich es denn rechtzeitig geschafft hätte. Als am 11. März 2011 das Higashi-nihon Dai-shinsai („Das Große Erdbeben Ostjapans“) 東日本大震災 zuschlug, war ich nicht mehr im Land. Meine Familie bangte meine Familie bis Anfang Juni um das Überleben besonders einer sehr guten Freundin von uns. Sie wohnte in Sendai. Als wir endlich von ihr erfuhren – wir hatten eine japanische Anzeige in einem der online Suchmaschinen aufgesetzt -, schrieb sie nur, dass sie alles verloren hatten. Es sind die kleinen Dinge, die unser Leben erträglich machen. Denn sie schrieb, dass sie am meisten bedaure, nicht mit Minato mirai January 2011uns kommunizieren zu können, da sie ihr Deutschwörterbuch verloren hatte. Seit dem haben wir von ihr nichts mehr gehört. Ich hoffe, ihre Familie hat eine Unterkunft finden können.

Ich reiste im Februar von Tokyo nach San Francisco, um eine Freundin zu besuchen. Ich wollte diesen Ausklang, weil ich nach etwas suchte. Eine jede Reise führt uns zwangsläufig zu uns selbst, und ich wollte zu mir finden. Wir sprachen viel über meine Zweifel, mit Anfang 30 noch einmal neu anfangen zu müssen. So bezeichnete ich meine Erkenntnis, lesbisch zu sein. Bei einem Kaffee in der Februarsonne in Mission – nach einem langen Spaziergang durch Castro – fragte mich meine Freundin, warum ich mich unbedingt festlegen will. Ich wüsste doch, dass ich nicht heterosexuell bin. Meine Antwort war, dass ich das politisch sehe. Ich bin auf der Suche nach Traditionen und Kämpfen, in die ich mich einordnen, gegen die ich auch anstoßen kann. Ich habe immer Frisco February 2011die Geborgenheit einer Community gebraucht. Und wenn ich mich selbst nicht definiere, tun es andere. Denn wie oft habe ich schon sagen müssen, dass ich nicht auf der Suche nach meinem TraumPRINZEN bin. Und das hat nach SF nicht aufgehört. Ich war mir nur sicher geworden, was ich will. Seitdem fühle ich mich wohler und offener. Ironischerweise habe ich danach angefangen, mich weiblicher zu kleiden und spielerischer mit mir und meinem Körper umzugehen.

2011 reifte in mir der Gedanke, keine Karriere in der Politik machen zu wollen. Zwei Jahre lang kämpfte ich als Feministin in der Partei DIE LINKE für Selbstermächtigung und Autonomie, und als dann beim Parteitag in Erfurt alles über den Haufen geworfen wurde, woran ich politisch glaube, hatte ich keine Lust mehr. Ich habe vergessen, mich mit dem Parteiprogramm zu beschäftigen, was viel über meine Motivation aussagt. Ich hatte mir bis zum Ende des Jahres eine Frist gesetzt, ob ich austreten soll. Eigentlich war die Antwort schnell klar geworden.

Als sich auch wissenschaftlich wenig ergab, worauf ich eine Karriere an der Universität aufbauen konnte, war auch auf diesem Gebiet meine Motivation flöten. Ich hatte immer geglaubt, dass ich die Einsamkeit der Forschung mit meiner eigenen Leidenschaft für Wissen ausgleichen könnte, aber weit gefehlt. Ich hatte im April zwar ein Stipendium bekommen und konnte nicht über finanzielle Sorgen klagen. Aber September 2011mangelnder Eigenantrieb und fehlende Betreuung taten ihr übriges, um mich aus meiner Dissertation zu kegeln. Erst gegen Weihnachten schaffte ich es, mir über einen Nebeneinstieg wieder Zugang zu meiner Neugierde zu schaffen.

In der Zwischenzeit hatte ich Literatur zu meiner Sexualität gelesen. Denn ich finde den Zugang zur Welt über Bücher. Ich las Isherwood, US-amerikanische gay plays, Sarah Waters. Zur Zeit lese ich Klaus Manns Memoiren, weil schon Christopher schrieb, sie hätten sich 1936 in Amsterdam getroffen. Ich warf einen Blick in Bücher und Texte zur „Knabenliebe“ nanshoku 男色 im frühneuzeitlichen Japan.

Und das bringt mich zu meinen Texten. Ich habe drei Jahre mit dem Frankensteinstoff gekämpft. 2012 sollen meine Erzählungen fertig werden. Ich möchte die Begegnung in September 2011Amsterdam bearbeiten, über die Verfolgung Homosexueller in der direkten Nachkriegszeit schreiben. Dafür reiste ich: 2011 war ich das erste Mal in Auschwitz (English blog post). Meine Nicaraguaerzählungen harren der queeren Vervollständigung. Denn ich glaube, dass es zur Zeit keinen
guten historischen Romane von Frauen und für Frauen gibt. Wir lassen uns intellektuell verdummen. Und das für viel Geld. Aber das ist eine andere Erzählung.

Wichtig ist mir in diesem Jahr, dass ich weiterreise. Emotional, intellektuell und sexuell. And the rest shall not be silence.

Jahresrückblick von Kweens: Der große Jahresrückblick 2011
Puzzlestücke: Alles Gute!
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