Meine Ada

Beinahe hätte ich doch meinen Ada-Lovelace-Day verpasst. Ich kam zu dieser Forscherin über den klassischen Weg, über den Computer. Ich muss 2006 gewesen sein, als ich endlich und endgültig von Windows auf Ubuntu umschwenkte – und ich bin der Person, die mich dazu zwang, weil sie keine Lust hatte, sich weiter meine Computertiraden anzuhören, noch heute dankbar.

Ich weiß jedoch nicht mehr, wie wir nach dem Sex auf Frauen in der Wissenschaft kamen. Wir lagen wohl auf dem Hochbett und unterhielten uns über Geschlecht und Internet. Jedenfalls wurde mir erzählt, dass sie die erste Programmierin der Welt wäre! Ich fand später heraus, dass sie genauer die Bausteine für alle Computersprachen legte und die ersten Niederschriften einer Computerprogrammierung anhand einer bereits gebauten Maschine verfasste. Eine kluge, leidenschaftliche und mathematisch hochgebildete Frau von Anfang des 19. Jahrhunderts! Das fand ich toll. Nicht umsonst heißt eine Computersprache heute nach ihr. Nicht von ungefähr nennen Universitäten in Deutschland Projekte zur Förderung von Frauen in den Naturwissenschaften nach ihr, z.B. das rheinland-pfälzische Hochschulnetzwerk.

Das Buch Byrons Tochter: Ada Lovelace – Die Poetin der Mathematik von Benjamin Woolley (1999 als The Bride of Science. Romance, Reason and Byron’s Daughter erschienen) versucht dann auch genau zu erklären, warum eine Frau als Tochter Lord Byrons einen schmalen Grad zwischen Leidenschaft und Verstand – oder nach Austen sense and sensibility – wählen musste. Es war ihre Mutter, Annabella Lady Byron, die aus der Tochter die Poesie treiben wollte, damit das Mädchen nicht auch auf die Hirngespinste von Romantikern hereinfalle. Mehr noch der englische Titel spielt auf das Bild, das ich aus Verfilmungen von Mary Wollstonecraft Shelleys Frankenstein – Oder der moderne Prometheus (1818) kenne, an: sie ist die Braut der Wissenschaft. Frauen werden mit Dingen verheiratet, sie eignen sie sich nicht selber an. Poesie oder Wissenschaft sind nichts, was sie selbstermächtigt lernen oder die sie wie Werkzeuge nutzen und nach ihrem Willen formen. Es sind Dinge, die ihnen gegeben werden, vererbt werden. Frauen sind Körper, Gefäße, die genealogisch eingereiht werden, sei es in der Poesie oder der Wissenschaft. Um Ada als Wissenschaftlerin zu ehren, benutzen wir auch ihren Vornamen, da Nachnamen bei Frauen immer die ihrer Männer waren und heute noch zum größten Teil sind: Byron, der ihre Vaters, King Countess Lovelace, der durch ihren Mann.

Es hat Gründe, warum ich die Wissenschaftlerin in meinem Roman, an dem ich schreibe, ausgerechnet Ada genannt habe. Ich brauchte eine weibliche Schöpferin, deren Name nicht nur die weibliche Form eines historisch-fiktionalen Vorvaters ist. Wie Sandra M. Gilbert und Susan Gubar in The Madwoman in the Attic: The Woman Writer and the Nineteenth-Century Literary Imagination (1979, überarbeitet 2000) schreiben, können Frauen nicht so einfach gegen ihre literarischen Vorfahren anschreiben und mit der Feder „Vatermord begehen“. Das Konzept der Einflussangst anxiety of influence stammt vom Literaturwissenschaftler Harold Bloom, der 1973 im gleichnamigen Buch über die poetische Emanzipation schreibt. Doch wenn Frauen gar keine Vorbilder haben, an denen sie sich schreibend abarbeiten können, ist es nach Gilbert & Gubar die Angst vor dem Schreiben selbst, die Schriftstellerinnen (anxiety of authorship) umtreibt. Nun gilt das Genre des Romans nicht mehr als für Frauen unzuträglich, weil es ihre Sinne vernebelt, aber die Großen der Literatur sind nach wie vor männlich (12 Frauen haben seit 1901 den Nobelpreis für Literatur bekommen). Die Bronte-Schwestern schrieben unter männlichen Pseudonym Mitte des 19. Jahrhunderts in England lebten. Und auch heute noch ist es üblich, den Namen mit Anfangsbuchstaben anzugeben. Wer wird sich in einigen Jahrhunderten erinnern, dass J.K. für Joanne Kathleen Rowling steht und A.S. nicht für Lord, sondern Dame Antonia Susan Byatt? Und wenn wir das Geschlecht wissen, kennen wir dann ihre Namen?

Ich brauche meine Vorfahrinnen, wissenschaftliche, poetische und familiäre. Und deswegen nehme ich auch Ada für meine Wissenschaftlerinnen.

(Ich danke Karnele für die Erinnerung an diesen Tag.)

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Der erste Schritt

„Der Biene gleich dem Stock zu entfliegen und eines Tages mit dem Füllhorn süßer Schätze heimzukehren – den unvergesslichen Erinnerungen einer durch spannende Abenteuer beflügelter Phantasie, einem Wissen, das den Geist erquickt und aus dem lähmenden Korsett der Vorurteile befreit, und einer größeren menschlichen Anteilnahme: Darin sehe ich den Sinn des Reisens, das einen jeden sowohl besser als auch glücklicher macht.“ Mary Wollstonecraft Shelley, 1844.

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