Eine exklusive Dame: Gutkuratierte Kuriositätenkabinette in Berlins Museen

Ich könnte eine glückliche Alte werden, die sich durch ihr Leben meckert. Nur gefalle ich mir in dieser Rolle nicht wirklich, denn mir fehlt das Geschlecht eines Adorno oder Reich-Ranicki, um ein guter arroganter Kunstkritiker zu sein. Meines diktiert mir die Unsicherheit, nicht harsch über andere urteilen zu wollen. Und doch kann ich mir eine ästhetisch-politische Herablassung nicht verkneifen.

Meiner Wut auf die staatlichen Museen in Berlin machte ich das erste Mal 2004 in der Sonderausstellung Poesie des Augenblicks. Meisterwerke der französischen Genremalerei im Zeitalter von Watteau, Chardin und Fragonard Luft. Das Alte Museum stellte wunderbare Bilder des Barock und Rokoko aus, und schon damals ärgerten mich die Beschreibungen. Mir ist bewusst, dass Museen damit arbeiten müssen, was sie erwerben können. Und in Zeiten gekürzter Zuschüsse wird die Ausleihe und Beschaffung nur noch schwieriger. Auch bin ich mir nicht sicher, wie viel überhaupt noch für gute KuratorInnen gezahlt wird und ob sie nicht eher betriebswirtschaftlich als kunsthistorisch denken müssen. Auffällig finde ich nur, dass in den Jahren die Konzeptionslosigkeit besonders der Sonderausstellungen zugenommen hat. Dass eine Ausstellung mit dem Namen Berlin-Tokyo/Tokyo-Berlin. Die Kunst zweier Städte in der Neuen Nationalgalerie (2006) alles zusammen sammelt, was sich auch nur irgendwie unter diesem Titel stellen lässt, leuchtet mir noch ein. Und doch war in dem Glaskasten am Potsdamer Platz aufgestellt, was im Titel die Städte hatte oder in welchem irgendein Bezug zu den Hauptstädten gesehen wurde. Die in diesem Jahr sich feiernde 150-jährige schwierige gemeinsame Geschichte ließ sich dadurch weder verdeutlichen noch ansatzweise berühren. Trotzdem wurden einige künstlerische Befruchtungstendenzen, besonders durch das Bauhaus und die Flüchtlinge nach 1933 in Richtung Japan, und koloniale Übernahmen durch den Japanismus Anfang des 20. Jh. nach Deutschland aufgezeigt.

Schwieriger wurde es mit solchen Themen wie Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst in der Neuen Nationalgalerie 2006. Eine Philosophie – und Geistesgeschichte dieses Begriffes, dessen Ausläufer von der Antike bis in die Psychiatrie der Gegenwart reichen, anhand von Bildern zu erklären, musste schon aufgrund der Fülle der Ideen scheitern. Saturn und Melancholie: Studien der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und Kunst (engl. 1964, dt. 1990) des Philosophen Raymond Klibansky, der Kunsthistoriker Erwin Panofsky und Fritz Saxl versuchte sich an einer Annäherung und blieb selbst als Standardwerk stellenweise verwirrend und ungenau. Denn die Melancholie ist als Teil der Kunst, Kultur, Literatur und Medizin nun einmal schwer zu fassen. Ich hielt es der Ausstellung zugute, dass sie es versuchte, und doch wurden die Beschreibungen immer verwirrender. Gerade in der Medizin ist die Trennung von Genie und Wahnsinn einfach eher eine politisch-menschliche Frage als eine ästhetische.

Erklärungen und Einführungen gehören nun einmal zu jeder Ausstellung dazu, auch wenn sich die Museen eigentlich eingestehen könnten, dass sie entweder kein griffiges Konzept haben oder ihnen das Thema über den Kopf gewachsen ist. Ersteres schien mir bei der diesjährigen Hokusai-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau der Fall zu sein. Eine chronologische und damit künstlerisch-biografische Herangehensweise scheint mir bei nur einem Künstler eine kluge Wahl. So lassen sich Veränderungen und Entwicklungen im Werk aufzeigen. Dies anhand von Namensänderungen und Werkstattwechseln des Malers Hokusai (1760-1849) zu tun, ist eingedenk des Kunstbetriebes von Lehrer- und Schülerverhältnissen Anfang des 19. Jh. in Japan ebenso eine gute Strategie. Dies jedoch gleich im ersten Raum zu beginnen, ohne eine kulturelle und politische Einführung in die Epoche, in das Leben des Künstlers und damit in seine Bedeutung für die Malerei Japans und die Modernisierung, die mit der Meiji-Zeit ab 1868 einsetzen sollte, lässt die Texte überflüssig erscheinen. Auch wenn in der Vernissage die Verbindung Hokusais zur japanischen und europäischen Moderne und damit seine Bedeutung für die 150-jährige Beziehung betont wurde, fand ich das in der Ausstellung nicht wieder. An dieser Stelle verweise ich auf einen Text zur schwierigen Geschichte, die gerade im Gropius-Bau zu einer künstlerischen Freundschaft hochstilisiert wurde: Hokusai: Maler einer schwierigen Liebe (Das Blättchen, 19. September 2011).

Ebenso ist die Ausstellung Gesichter der Renaissance im Bodemuseum zu empfehlen. Auch für sie gilt, dass wir ihre Bilder in dieser Zusammenstellung wohl nie wieder zu sehen bekommen werden. Sie ist schon aus diesem Grunde unbedingt eine Reise wert, wenn denn noch Karten zu bekommen wären. Wie bei Hokusai versuchten mir Texte, die mir die Porträtmalerei Italiens des 15. und 16. Jahrhunderts näherbringen sollten, Augenrollen. Wenn schon die Begleittexte nicht sonderlich informativ waren, war der Audioguide, ohne den die Bilder leider ’nur‘ wunderschön gewesen wären, eine prosaische Katastrophe. Während mir eine sanfte weibliche Stimme im ersten Raum noch versuchte, Zusammenhänge zwischen antiken Büsten und mittelalterlichen Stifterbildern in der Entwicklung der Porträtmalerei darzulegen, wurden einige Bildbeschreibungen nur noch albern. Es liegt in der Natur der Sache, dass Audioguides mit blumigen Adjektiven mehr wie gesprochene Verkaufskataloge als kunsthistorische Begleitmaterialien klingen. Und doch musste ich spätestens bei da Vincis Dame mit Hermelin lachen, bei der es um deren Blick und damit liebender Unterwerfung unter ihren um Jahre älteren Geliebten ging, den sie angeblich ansehen würde. Natürlich arbeitete das Museum nach dem Prinzip save the best for last, und im letzten Raum würde die Wegnahme des Bildes am 1. November nicht so schmerzlich auffallen. Jedoch inwiefern die Dame eine Entwicklungsstufe in der Porträtmalerei darstellte, wurde mir nicht erklärt. Dass nach der mittelalterlichen anfangs die Profile vorherrschten, die um die Jahrhundertwende vom 15. ins 16. Jahrhundert gerade bei den mächtigen Männern in Florenz und Venedig zu Dreiviertelansichten wechselten, während Frauen noch lange dem Blick der Betrachtenden auszuweichen hatten, wird nicht erklärt. Was der deutsche Eckraum, der wirkt, als wäre noch Platz zu füllen gewesen, in dieser Ausstellung zu suchen hat, ist mir ebenso schleierhaft geblieben.

So werden Sonderausstellungen in den staatlichen Museen Berlins zu Veranstaltungen für ein Bildungsbürgertum, das die Zeit und das Geld hat, sich ihnen zu widmen. Ohne den Katalog zur Nachbereitung sind die Eindrücke zu gewaltig, um die Bilder wirklich einordnen zu können. Mir geht es dabei nicht um eine Bevormundung meiner Seherfahrung, jedoch verlange ich eine konzeptionelle und – nennen wir es ruhig – didaktische Einführung in das Italien dieser Zeit, um die Bilder nicht nur schön zu finden. Oder ist das unsere Ästhetik geworden? Es wäre ein Bildkonsum, der keiner sozio-kulturelle Einordnung mehr bedarf. Dann fehlen mir nur noch die Preise an den Kunstwerken. Vielleicht sollte ich doch Adorno lesen. Und Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter
seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935). Kann ich mir meinen Kunstgenuss auch noch anders verderben?

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2 Antworten zu Eine exklusive Dame: Gutkuratierte Kuriositätenkabinette in Berlins Museen

  1. schmeißi schreibt:

    nicht zu vergessen, daß die texte bei der hokusai-schau auch sonst diskutabel waren: sprachlich nicht immer schön, zu offensichtlich nicht gut erarbeitet/übersetzt und vor allem kontrolliert: wie sonst ist zu erklären, daß aus „karpfenförmigen windsäcken“ im englischen „windsackförmige karpfen“ im deutschen werden können? weiteres manko: die japanischen namen der gezeigten arbeiten fehlen völlig, in einigen schaukästen mit mehreren exponaten war die zuordnung zu den beschreibungen oft unklar. das hätte alles nicht sein müssen…
    und die aufbereitung im merchandise hätte auch deutlich anders ausfallen können. die auswahl an motiven war madig im verhältnis zur fülle an möglichkeiten, die produkte wirkten sehr zusammengewürfelt, nach dem prinzip: von hokusai ham wer halt nüscht, sammeln wer mal allet zusammen, watt alljemein japan-bezug hat. und wenn es die paperblanks-notizbücher aus der edition mit den kimono-mustern auf dem umschlag sind. ob hokusai einer der künstler war, dessen motive hier verwendung fanden, verrät weder die seite von paperblanks noch ein kommentar im museumsshop.
    hokusais grandiose arbeiten trösten leidlich darüber hinweg, aber das wermutströpchen bleibt.

    • Es dauerte dann doch etwas, und doch bin ich wieder da.

      Die Texte der Ausstellung waren unterirdisch. Ich dachte mir auch, als ich schon die Einführungstafeln der einzelnen Räume sah, wieso sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatten. Diese erklärten nämlich gar nichts. Sie waren weder eine Einführung in das Leben noch in den soziokulturellen/künstlerischen Kontext, in welchen Hokusai lebte. Und ich stimme dir bei den Bildunterschriften zu.

      Ich fand die Ausstellung unglaublich und mindestens einen Besuch wert; und doch – da gebe ich dir recht -, sie hatte ihre großen Fehler. Dafür, dass der Gropiusbau für mehrere Millionen erst saniert und dann an den Bund ging, so viel Prominenz wegen dieser vermaledeiten 150-Jahre „Freundschaft“ angefahren worden war, war die Ausstellung selbst zwar eine wunderbare Sammlung und deswegen auch teuer, aber die Kuratierenden hätten auch aus einem gut geführten Heimatmuseum kommen können. Da wurde Geld an der falschen Stelle gespart. Trotzdem; sie lohnte sich wegen der Bilder. Und das scheint die Tendenz zu sein. Ist das „zurück zu den Wurzel“: nichts soll von den Bildern ablenken?

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